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Rezension : Bewegte Bilder hinter Glas

  • -Aktualisiert am

Bild: phaidon

Die erste Monographie über Pipilotti Rist - ein spannender Bildband, der Einblicke in ihr interdisziplinäres Schaffen gibt.

          Für Pipilotti Rist besteht die Macht der Kunst in ihrer Fähigkeit, das Unbewusste zu offenbaren. Die weiblichen Protagonistinnen (meist agiert sie selbst) ihrer Videos schweben, schwimmen, wandeln und handeln in Wirklichkeiten, die ihre eigenen Gesetze haben.

          Nackt in den feurigen Wirbeln eines "Lavabads" gefangen, blickt eine Art moderne Lorelei dem Betrachter zugleich hilfesuchend und verführerisch entgegen. Man sieht Gestalten durchs Wasser tauchen, das Gesicht in einem vergeblichen Befreiungsakt gegen eine transparente Scheibe gepresst. Auf der Biennale von Venedig zeigte Pipilotti Rist 1997 eine Frau, die lächelnd mit einer langstieligen Blume in der Hand Autofenster zerschlug, als wäre das das Selbstverständlichste von der Welt. In der schweizer Botschaft in Berlin lässt die knapp 40-Jährige beschriebene Botschafts-Blätter fallen.

          Verschiedene Frauenbilder

          Die oppulente Rist-Monographie, die jetzt bei Phaidon, Berlin, in englischer Sprache erschienen ist, führt die wichtigsten Arbeiten der Künstlerin vor Augen. Und lässt sie in eigenen Texten und in einem Interview mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist zu Wort kommen. Mit diesem Band setzt der Verlag eine ausgesprochen gelungene Reihe fort, in der zeitgenössische Künstler nicht nur theoretisch beleuchtet werden, sondern ihre eigenen Gedanken und Inspirationsquellen in reich bebildertem Umfeld formulieren können.

          Pipilotti Rists Werk ist in die aktuelle feministische Diskussion eingebettet. Die New Yorker Theoretikerin Peggy Phelan betrachtet an dieser Stelle die Frauenbilder, die Rist in ihren Videos entwirft und durchspielt. Die in Zürich lehrende Professorin Elizabeth Bronfen, ist unter anderem durch Untersuchungen zur Gender-Debatte bekannt geworden. Sie hat einen Beitrag über die psychoanalytische Dimension in den Arbeiten von Pipilotti Rist verfasst.

          Wolken sehen oder nicht sehen

          Das alles kommt weniger sperrig daher, als man angesichts der komplexen Thematik annehmen könnte: Die beiden Essays beziehen sich konkret auf ausgewählte Videos und ergänzen die eher poetischen Äußerungen der Künstlerin: "Es gibt verschiedene Arten von Wolken: Solche, die ich gesehen habe, und solche, die ich mir vorstelle. Die Wolken, die ich mir vorstelle (das sind die meisten), habe ich nie gesehen. Die große Mehrheit der Wolken sind solche, die andere gesehen oder sich vorgestellt haben, oder sich eines Tages vorstellen werden."

          Im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist geht es dann um Utopien und Wunschprojekte Rists, die sie (bislang) nicht realisiert hat. Und es geht um ihr eigenes Selbstverständnis als Künstlerin, die sich von so unterschiedlichen Figuren wie Videopionier Nam Jun Paik, dem Schweizer Künstlerduo Fischli & Weiss oder John Lennon und Yoko Ono anregen ließ. Zwischen gewitzt-feministischer Provokation, poppigem Musikvideo und fließender Traumästhetik nehmen ihre Arbeiten einen merkwürdig schillernden Raum ein. "Ich betrachte Videos als Gemälde hinter Glas, die sich bewegen", sagt Rist. Im vorliegenden Bildband wird dieser Gedanke anschaulich und packend ausgebreitet.

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