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Rezension: Belletristik : Zauberworte hinter Panzerglas

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          3 Min.

          Die Reise zurück in die Vergangenheit der nationalsozialistischen Diktatur hat längst ihre eigene literarische Gattung gebildet, deutlicher heute als gleich nach dem Krieg. Die nobelsten Intentionen überwiegen, allein - nicht immer waltet eine Unterscheidungskraft, die weiß, wann die aufgetürmten Schreckensworte sich selber zu sabotieren beginnen, und mit dem unentwegt dämonischen SS-Scharführer ist es auch nicht getan.

          Melitta Breznik geht ihren eigenen Weg, ohne uns vom Grauen, den Verbrechen und den Verdrängungen abzulenken, die in Familie und Gesellschaft schwären; die Psychiatrie, ihr Beruf, fördert ihre Neigung zu einer diskreten Sachlichkeit, die sie uns schon in ihren Erzählbänden "Nachtdienst" (1995) und "Figuren" (1999) vor Augen führte. In ihrem dritten Buch "Das Umstellformat" erzählt sie, wie eine österreichische Ärztin im Mai 1998 eine Reise nach Hessen unternimmt, um jene Anstalten aufzusuchen, in welchen man ihre geisteskranke Großmutter in den Kriegsjahren festhielt. Sie will wissen, was es mit der Diagnose einer unheilbaren paranoiden Schizophrenie auf sich hatte, wie die Patientin starb und warum man in ihrer Familie so wenig an sie dachte, als ob ihre Gestalt weggewischt wäre wie ein "weißer Fleck" der Familiengeschichte.

          Die Ärztin überzeugt ihre Mutter, die in Hessen aufwuchs, mit ihr zu fahren. Die beiden Frauen - die Tochter wißbegierig und traurig, denn sie hat über die Euthanasiemorde gelesen; die Mutter eher irritiert und darauf bedacht, die Orte ihres eigenen Lebens wiederzusehen - halten in Frankfurt, wo die Polizei einst die Kranke erst in die Landesheilanstalt überweisen ließ, dann in die Kliniken in Marburg, Hadamar und Merxhausen. Dort haben Mutter und Tochter Gelegenheit, die Akten und die Krankengeschichte einzusehen und den Friedhof zu besuchen, wo die Großmutter bestattet liegt, Massengrab und "Kollektivkreuz". In Hadamar erklärt ihnen der Chefarzt, daß die Tötungen im Jahre 1941 "ein offizielles Ende" nahmen, doch "allem zum Trotz sei das Sterben in den meisten Anstalten unbeobachtet weitergegangen", wegen "der erbärmlichen Bedingungen vom Verlauf des Krieges" und weil "mancherorts ganz bewußt weiter getötet worden sei". Auffällig jedenfalls, wie der Eintrag der Fieberkurven im Jahre 1941 plötzlich abbricht, später fehlen auch Aufzeichnungen über den Blutdruck, und der Totenschein, ausgestellt am 9. Mai 1943, vermerkt das Ableben der Patientin ohne Angabe von Gründen.

          Die Autorin nennt ihr Buch, bescheiden genug, eine "Erzählung" oder, im Innern der Prosa, einen "Bericht". Sie liebt es allerdings, ein besonderes Interesse für ihre reisende Erzählerin eher zu verbergen, als zu offenbaren. Merkwürdig: Je mehr sich die Forschende dem Ziel ihrer Forschungen nähert, desto klarer wird ihr, wie innig sie der Großmutter, physiognomisch und im gedanklichen Bewußtsein, verbunden ist - als solle so der weiße Fleck der Familiengeschichte getilgt werden. Ein spätes Anstaltsfoto beweist, daß sie ihr "wie aus dem Gesicht geschnitten ist", und der wahnsinnige Gedanke ihrer Großmutter, ein diabolisches "Umstellformat" habe sich, als Institution, der Menschen bemächtigt oder hypnotisiere sie, hat sich unverrückbar in ihrem Bewußtsein eingenistet. Also, mitten in der herben Sachlichkeit, eine romantische Novelle von einem Ich, das sich in einem anderen, problematischeren wiederfindet, moderner E. T. A. Hoffmann? Das Finale, das sich durch eine lang aufgeschobene Dramatik und die Gegenwart aller Sätze aus dem Zusammenhang hebt, liest man deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit. Der Ärztin gelingt es da in ihrem eigenen Institut, eine aufgeregte Kranke durch das Panzerglas der Station plötzlich zu besänftigen, indem sie das Signalwort "Umstellformat" mit ihren Lippen formt - Intuition, ärztliche Analytik, oder ist sie, als Enkelin, von ihrer Großmutter affiziert?

          In der epischen Balance dieser Prosa darf sie aber, selbst als Erzählerin, keine Privilegien für sich beanspruchen, denn sie bleibt eine Figur unter anderen, die alle ihre eigenen Rechte haben, und ihre verborgene Novelle bildet nur ein Element des subtilen Textes, der sich aus verschiedenen Stücken zusammensetzt, die Analogien bilden oder einander kommentieren, ohne Rücksicht auf die bequeme und traditionelle Zeitenfolge.

          Im Grunde arbeitet Melitta Breznik mit zwei Formen der Sprache: dem Monolog in Bekenntnis, Beobachtung, Beichte oder Meditation eigener Erfahrungen, und mit einer anderen, der erstarrten Sprache der Behörden, Staatspolizei und Umstellformat-Anstaltsleitungen, die selbst in das Idiom jener eindringt, die mit diesen Institutionen "Schriftwechsel pflegen", wie der Großvater, der zunächst um die Entlassung der Kranken ersucht und sich später amtlich von der hilflosen Kranken scheiden läßt, um die Haushälterin zu heiraten. Eine andere Gruppe von Monologen löst sich aus der Enge der Familie, nicht aus dem Spiel der Sprachformen, denn die Reisende findet sich mit einem norwegischen Gastgeber (mit dessen Tochter sie einst im Schulaustausch ein norwegisches Gymnasium besuchte) konfrontiert, der ihr im täglich tröstlichen Schnapsdusel und nach zwanzig Jahren gesteht, ein Anhänger Quislings gewesen zu sein, der nach Kriegsende in einem Straflager arbeitete und von allen Nachbarn verachtet wird. Diese alten Männer kommen nicht gut davon, aber die Erzählerin, die Polemiken nicht liebt, bewahrt ihnen wenigstens einen verlorenen Rest von widersprüchlichem Menschentum.

          In dieser Gruppierung problematischer Naturen, der Kombination verschiedener Sprachformen und dem persönlichen Umgang mit der Zeitfolge bewegt sich Melitta Breznik allerdings weit über die erprobten Sicherheiten ihrer früheren Arbeiten hinaus. Wohin? In einen vielstimmigen Roman, den sie womöglich wider Willen geschrieben hat. Sie nennt ihn immer noch eine Erzählung, aber er wiegt, schmal ist nicht dünn, Hunderte von Seiten anderer mühelos auf.

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