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Rezension: Belletristik : Papageien im Tiefdruckgebiet

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Bild: dtv

Als "Die Regenhexe" 1993 in Litauen erschien, löste Jurga Ivanauskaites Mythenmix-Roman einen Skandal aus.

          3 Min.

          Es hört sich furchtbar an: Eine litauische Schriftstellerin, die zum Buddhismus konvertiert ist, Tibet-Bücher schreibt und laut Angabe des Verlags "durch den Feminismus, östliche Philosophie und die gnostischen Schriften inspiriert" ist, läßt drei Frauen auftreten, die jeweils eine verbotene Liebe zu einem Priester oder Heiligen teils vollführen, teils unerwidert hegen und dadurch ins Verderben stürzen.

          Die erste Frau versucht im Litauen der Gegenwart eine Beziehung zu einem Priester zu überwinden, den sie in einem Sanatorium als Betreuer ihres Mannes, eines verrückt gewordenen Malers mystischer Stoffe, kennengelernt hat, und absolviert zu diesem Zweck lange, aber erfolglose Erzählstunden bei einer Psychoanalytikerin; die zweite Frau, im Mittelalter lebend, verfällt einem zum populären häretischen Einsiedler und Herrn der Papageien gewordenen Ex-Franziskaner und sinniert in einer Zelle über ihr Schicksal, bevor sie als Hexe der Inquisition zugeführt wird; die dritte im epochenübergreifenden Bunde ist die Maria Magdalena der Legende und der apokryphen Evangelien von Nag Hammadi, die an ihrer promiskuitätsbedingten Stigmatisierung und ihrer unerfüllbaren Liebe zu Jesus zerbricht.

          Und - ist es furchtbar? Nun, wenn man das Mystische und schwer Symbolische des Buches - Liebe und Blut, Freiheit und Strafe, Lust und Verehrung - eher als literarisches Schmuck- und Ordnungsmittel zu nehmen in der Lage ist, dann kann die Erzählung einen gewissen Reiz entfalten. In den Partien, die im Mittelalter und im alten Palästina spielen, ist es der Reiz der melodramatischen Historienfilme, die früher immer am Sonntagnachmittag im Fernsehen liefen: Man will wissen, wie es weitergeht, und sieht dafür über unglückliche Metaphern und Überdeutlichkeiten ebenso hinweg wie über die erneute Aufwärmung von Legenden, in diesem Fall jener von der Jesusjüngerin, die zuletzt Nikos Kazantzakis, Luise Rinser, Marianne Fredriksson und Martin Scorsese faszinierte. Doch kann man das Buch auch ernst nehmen?

          Man kann: Als "Die Regenhexe" 1993 in Litauen erschien, löste Jurga Ivanauskaites Roman einen Skandal aus. In die nationale, moralische und religiöse Neubesinnung der jungen Republik paßte diese Mischung von Weiblichkeit, Orientierungslosigkeit, Heiligkeit und Sexualität offenbar nicht hinein. Im Buch selbst heißt es an einer Stelle: "Sie erinnern sich doch, was vor einigen Jahren passiert ist? Eine allgemeine Rückkehr ins katholische Mittelalter. Jeder zweite meiner Bekannten ließ sich taufen." Und so wurde das Buch von der Stadtverwaltung in Vilnius unter einen Bann gestellt und durfte nur noch in den Sexläden der Hauptstadt verkauft werden, was ihm umgehend eine für das kleine Land bemerkenswerte verkaufte Auflage von zwanzigtausend Exemplaren verschaffte. Diese Episode besagt mehr über die Nervosität einer sich wiederfindenden Kultur als über die Sprengkraft des Textes. Der Pornographievorwurf an die Verfasserin ist nach unseren Maßstäben vollkommen lächerlich, ja man muß sagen, er tut der verklemmten Klerikalerotik des Romans zu viel Ehre an.

          Zwischen den Zeiten und Frauenschicksalen wird ohne auktoriale Bezugnahme hin- und hergeschaltet. Doch dem Leser wird schnell klar, daß es sich im Grunde um ein und dieselbe Frau handelt, wobei die historische Anreicherung eher die jetztzeitige, postsozialistisch traumatisierte Kettenraucherin mit mehr Archaik versieht als umgekehrt die Hexe und die Jüngerin mit Modernität. Zur Verbindung hätte es da kaum der zahlreichen wörtlichen Wiederholungen bedurft, um die Wiederkehr des Gleichen zu verdeutlichen - auch wenn auf diese Weise ein serieller Effekt entsteht, der die Aufmerksamkeit des Lesers in durchaus gefälliger Weise erhöht. Überhaupt hat die Verfasserin trotz einiger Mißgriffe eine sprachliche Kraft, die man sich höchstens sparsamer eingesetzt wünschte.

          Das Resultat der Frauensynthese jedenfalls ist eine Gestalt, die von der Aura des Verbotenen, von der Aussicht auf Hingabe, Strafe und Erniedrigung zugleich abgeschreckt und angezogen ist, die in der Spannung zwischen Autorität und weiblichem Selbstwert steht und am Ende in der Bindungslosigkeit resigniert: "Ich habe plötzlich die Freiheit, die absolute Freiheit gespürt. Gott, ist das ein schreckliches Gefühl."

          Es ist wohl noch die interessanteste Deutung, diese Freiheitsverzweiflung von der individuellen Psychologie zu lösen und mit dem politischen Umbruch Litauens 1991 in Verbindung zu bringen, wie es auch an zwei Stellen des Romans explizit geschieht. Die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung wird durch eine besondere Todesnähe gekennzeichnet - die Protagonistin will alle sowjetischen Militärs ihrer Geschlechtsteile entledigen -, und der Priester sagt nach der Lossagung von der Frau, die ihn liebt: "Du lügst dich selbst an. Du willst die ganze Last dieser Epoche mir allein aufbürden. Unsere Wege kreuzten sich in schrecklich schweren Zeiten, und wir blieben für eine Weile zusammen. Alles hat sich verheddert. Sowohl das, was in uns geschah, als auch das um uns herum." Man kann dem litauischen Seelenleben angesichts dieses Romans von 1993 nur wünschen, daß sich die Verhedderung seitdem etwas gelöst hat.

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