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Rezension: Belletristik : Der Sommer der Erkenntnis

  • -Aktualisiert am

Alexa Hennig von Lange Bild: Joachim Hennig von Lange

Die einst als Popliteratin gefeierte und geschmähte Alexa Hennig von Lange legt mit „Woher ich komme“ einen neuen Roman vor und beweist, daß sie sich auch auf ernsthaftem Terrain bewähren kann.

          Es ist ruhig geworden um die Popliteratur, sollte es sie denn wirklich je gegeben haben. Kaum ein Schriftsteller sieht sich und den eigenen Roman noch als Pop. Der ohnehin schon schwammige Genrebegriff wirkt verwaist. Dabei ist es erst knapp zehn Jahre her, daß eine Generation junger Autoren ins Rampenlicht drängte, deren Geschichten das Hier-und-Jetzt des eigenen Lebens ausloteten. Ihre Sätze, Gedanken und Anschauungen jedoch sind zu Allgemeinplätzen geworden.

          Zeit also, ins Neue und Unbekannte aufzubrechen. Bei der Autorin Alexa Hennig von Lange, die mit den Romanen "Relax" und "Ich habe einfach Glück" maßgeblich an der Popliteratur mitschrieb, führte der Weg über die Kindererzählung "Lelle" zum jetzt erschienenen "Woher ich komme". War der Vorwurf der Selbstverliebtheit und Geschwätzigkeit gegenüber ihren früheren Romanen und Geschichten mitunter durchaus berechtigt, so läßt sich ihr neuer Roman mit dem Attribut „ernst“ bezeichnen. Auch der Verlagswechsel vom "Zweitausendeins"-Verlag Roger & Bernhard zu Rowohlt Berlin darf als Imagewechsel und Neuorientierung gesehen werden. Vergleichsweise opulent ist auch die Gestaltung des Buches. Der mit 108 Seiten nicht gerade umfangreiche Roman verfügt sogar über ein Lesebändchen.

          Verlust der Unschuld

          "Woher ich komme" erzählt von Verlusten. Dem Verlust von Mutter und Bruder zunächst, später vom Verlust der Unschuld in den Fragen des Lebens. Dabei schreibt Alexa Hennig von Lange wie in ihren vorherigen Romanen aus der Ich-Perspektive. Sie wechselt die Zeitebenen, vermischt die Gegenwart mit den Kindheits- und Jugenderinnerungen der Erzählerin.

          Zusammen mit ihrem Vater reist die Erzählerin noch einmal in das Ferienhaus, in dem sie den letzten Urlaub gemeinsam mit ihrer Familie verbrachte, vor dem Tod der Mutter und ihres Bruders. Nichts scheint sich verändert zu haben: Ihr Vater betritt immer noch ihr Zimmer, ohne vorher anzuklopfen, kocht immer noch die gleich Milchsuppe zum Frühstück, auch der Nachbar ist derselbe geblieben. Und doch ist alles anders: Ihr Vater ist alt geworden, müde und gebrächlich. Von Zeit zu Zeit verstummt er ganz.

          Selbstbefragung

          Um der Sprachlosigkeit zu entkommen, ist die junge Frau darauf angewiesen, sich selbst zu befragen, ihr Leben im Licht der Vergangenheit zu sehen. Doch ihre Erinnerungen sind bruchstückhaft und häufig verschwommen. "Ich weiß sehr vieles nicht. Ich weiß nur woran ich mich erinnere und das wird von Tag zu Tag mehr". Und "es gibt kein festes Bild von meiner Mutter, das immer wieder aus meiner Erinnerung auftaucht. Es sind eher Körperpartien, die ich sehr genau vor Augen habe". Hände, Augen, Hals, es dauert lange, bis sich alles zu einem Bild formt.

          Dabei fördert die Erzählerin ein verworrenes Familiendrama zutage. Im Rückblick erst werden ihr die tiefen Risse in der Ehe ihrer Eltern gewahr, die andauernden Ängste ihrer Mutter vor dem Verlust der Kinder, ihre Lebens- und Todesangst, die auch sie verspürt.

          Es ist ein Sommer der Erkenntnis, den die Erzählerin durchlebt, in dem sich alle vergangenen Sommer brechen: die Freude über die Zweisamkeit mit dem jüngeren, geliebten Bruder, die fast obsessive Verehrung der Mutter, die Geborgenheit und Vertrautheit, die Furcht vor dem Leben, das Erwachen der eigenen Sexualität und schließlich die unsägliche Trauer. Erst die vollständige Vergegenwärtigung des Geschehenen ermöglicht es dem Ich, sich selbst in seinen Erinnerungen zu sehen.

          Man kann Alexa Hennig von Lange manches vorwerfen. Das pathetische, dem Roman vorangestellte Kindheitszitat von Pablo Neruda etwa, oder das allzu offen gestaltete Ende des Buches. Auch daß sie mit der Fernsehsendung "Western von gestern" und der Wiedergabe einer Liedzeile den ansonsten scheinbar schwebenden Zustand wieder an die Realität rückt. Doch ist es ihr großes Einfühlungsvermögen und ihr Interesse gegenüber dem Innenleben ihrer Personen, ausgedrückt in einfachen, kurzen Sätzen, die mehr offenlassen als erklären, das immer wieder in die Lektüre hineinzieht.

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