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Rezension: Belletristik : Alleinsein mit jemandem, den man kennt

  • Aktualisiert am

Bild: Berlin Verlag

Richard Ford erzählt in „Eine Vielzahl von Sünden“ von verschiedensten Varianten des Ehebruchs.

          Vor einigen Jahren, als Richard Ford an den Erzählungen arbeitete, die jetzt unter dem Titel "Eine Vielzahl von Sünden" auch auf deutsch vorliegen, ließ ein Hörfehler die Kritikerin für eine Weile erwarten, was auch immer in diesen neuen Geschichten geschähe, liefe auf einen noch unbestimmten Sinn zu. "A Multitude of Sense" (statt "A Multitude of Sins") - das schien ein schöner und durchaus plausibler Titel für die Geschichten eines Autors zu sein, der seinen Figuren bisher zwar kaum das große Glück, aber doch oft immerhin jenes "traurige kleine Glücklichsein von Drinks und Küssen, einem zuverlässigen Auto und einem warmen, weichen Schenkel" gegönnt hatte, das Walker Percy einst der tiefgründigen Suche nach mehr gegenüberstellte. Doch schon beim ersten Lesen der Geschichten, die in großen Abständen zunächst im "New Yorker" oder in "Granta" erschienen, wurde der Irrtum offenbar. Ford kreist keineswegs die mannigfachen kleinen oder auch größeren Sinnmöglichkeiten ein, die das Leben bereithalten mag oder auch nicht, sondern den immer selben sündigen Akt, den Menschen stets von neuem vollführen, getrieben, gelangweilt oder aus Routine: die Ehe brechen.

          Es geht also um Sex in diesen Geschichten, um schnellen, beiläufigen, aufregenden, traurigen oder schal gewordenen Sex, jene amerikanische Obsession, die auch das Werk anderer großer Schriftsteller wie Philip Roth etwa durchflutet. Im Gegensatz zu Roth aber interessiert Ford in diesen Geschichten nicht die Lust. Von Lust ist vielmehr gar nicht die Rede, und nur in einer einzigen Geschichte klingt an, daß in dem Verhältnis eines Mannes mit einer Frau, die mit einem anderen verheiratet ist, unter anderen Umständen etwas hätte entstehen können, das dem Gefühl der Liebe ähnelte ("Revier"). In einer anderen ist die Form einer Affäre, in der sich ein Journalist mit Lehrverpflichtung in Chicago und die Ehefrau eines reichen Immobilienhändlers für einige Nächte in ungeteilter Aufmerksamkeit einander zuwenden, die angemessene, die wahre Form für ihre Gefühle füreinander. Diese Geschichte ("Gute Zeiten") ist die einzige in der neuen Sammlung, die für die Beteiligten in dem Gefühl einer versöhnten Wehmut endet. In den anderen acht Geschichten meint es das Schicksal mit den Ehebrechern weniger gut. Sie bleiben allein, sie stürzen in den Abgrund oder sind längst der Sucht verfallen und nur noch als Abwesende präsent. Keine von ihnen hat mehr die Wahl des "Alleinseins mit jemandem, den man kennt" (das eine der Figuren für die gelungene Ehe hält).

          Ford ist, dem biblischen Titel und den unerfreulichen Folgen des Ehebruchs in diesen Geschichten zum Trotz, nicht etwa katholisch geworden. Der Autor, der sich bald nach seinen ersten beiden Romanen entschlossen hatte, die Spur zu verlassen, die Faulkner und auch Percy gelegt hatten, und in "Rock Springs", seiner ersten Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Jahr 1987, seine ganz eigene Art des Erzählens gefunden hatte, ist unbarmherzig nur in einem: seinem Blick auf die Konsequenzen von Entscheidungen, auf die Feinabstimmungen der Gefühle, darauf, welche Haltung aus ihnen erwächst und welches Leben mit ihnen noch möglich ist. Ford interessiert, was übrigbleibt, wenn die Lust vorbei ist.

          Wiedergutmachung - die große Sehnsucht der Aktiven wie der Passiven in diesen ungehörigen Verhältnissen erfüllt sich nie. Das erkennt auch der Ich-Erzähler in der Geschichte "Ruf", ein Erzähler, der ein Verwandter der früheren Figuren Fords aus "Rock Springs" und des Jungen aus dem Roman "Wild leben" zu sein scheint, einer jener Jugendlichen also, die Fords beste Erfindungen sind. Vor einiger Zeit schon hat sein Vater ihn und seine Mutter für einen Mann verlassen. Jetzt ruft der Vater an, um mit ihm vor den Toren von New Orleans zur Entenjagd zu gehen. Der Sohn ist inzwischen auf der Militärakademie und weiß immerhin schon, daß "mein Vater nur tat, was ihm gefiel, im Glauben, das würde anderen dieselbe Freiheit eröffnen zu tun, was ihnen gefiel. Bloß läuft die Welt nicht so, das Leben meiner Mutter und meins waren der leibhaftige Beweis dafür. Man kann sich von den anderen nicht frei machen. Viel komplizierter ist es eigentlich nicht."

          Eine nach der anderen Geschichte zu lesen, in denen sich die Figuren dieser Einsicht verweigern, in der sie handeln, als käme es nicht darauf an, in denen sie ihre kleinen Alltage leben, mit einer Sehnsucht, die ihnen selbst unbekannt bleibt und sie nur treibt, alles aufs Spiel zu setzen für etwas, das sie zwangsläufig enttäuscht - es wäre absurd zu leugnen, daß das deprimierend ist. Doch man liest immer weiter, in Bann gehalten von der immensen Sorgfalt, mit der Ford erzählt, dem Rhythmus, der in seinen Sätzen schwingt und der den Takt der jeweiligen Binnenwelt aufnimmt, die er beschreibt. Frank Heibert hat diesen Ton wieder idiomsicher ins Deutsche transponiert, so daß kleine Übersetzungssünden besonders schrill klingen. Deutsche denken nicht (jedenfalls meistens nicht, wenn es heißt "I think"), möchte man ihm zurufen, sie glauben! "Mein Vater, denke ich, hörte ihn nicht." Das ist, auf dem hohen Niveau, auf dem Heibert übersetzt, ein schauerlicher Satz, und man findet ihn in vielen Varianten hier oft.

          Die Menschen, von denen Ford in seinen neuen Geschichten spricht, sind mittelständische Herumtreiber, ständig unterwegs, zu Hause in den Hotels gesichtsloser Städte oder den Motels am Straßenrand. In den frühen Erzählungen und den Romanen "Der Sportreporter", "Wild leben" und "Unabhängigkeitstag" wurden Land, Wege und Häuser in ihrer genauen Beschreibung ein Teil dessen, was wir über die Figuren selbst erfuhren. Die Geschichten blieben immer ganz materiell mit dem Ort verbunden, an dem sie spielten. Schon in den drei folgenden Novellen aber begann Ford, Städte, damals vor allem Paris, symbolisch aufzuladen. Damit verschwanden sie als reale Orte und wurden eine Funktion des inneren Aufruhrs der Figuren, was zum ersten Mal einige überflüssige Sätze in Fords Schreiben brachte. Die stärkste jener drei Novellen war damals "Eifersüchtig". Sie spielte in Montana, der Landschaft, in der so viele Figuren Fords verwurzelt waren und die Ford in einigen wenigen kargen Formulierungen zeichnen kann wie kein anderer. In der neuen Sammlung ist es das völlig ereignislose Michigan im mittleren Westen ("Krippe") und eben New Orleans mit seinen angrenzenden Sümpfen, über denen ein Lockruf die Entenschwärme anzieht, die uns das Gefühl geben, an einem bestimmten Ort zu sein, der diese Geschichten einzigartig macht. Bei anderen schleicht sich der Eindruck des Exemplarischen zwischen die Zeilen. Allgemeines aber ist nicht Sache des Erzählers.

          Die Varianten des Ehebruchs sind erstaunlich vielfältig. Am erstaunlichsten aber ist, daß die Fragen vor und nach dem Betrug die gleichen bleiben. Ob die Vorstellung von Nähe und Vertrauen überschätzt werde, fragt sich der Betrogene in "Unter dem Radar", bevor er seine untreue Frau schlägt, und ob die Liebe vielleicht auf etwas gründet, das unbestimmt bleibt und widersprüchlich. Ford betrachtet diese Fragen, als brauchte er ihre Antwort, um sich vom Thema zu lösen. Er ist großartig, wenn er zum Beispiel beschreibt, wie die Maklerin Frances "ein Lächeln auf ihre Lippen stellt", um ihren Kollegen zu verführen, den sie bald schon nicht mehr leiden mag ("Abgrund") - und erinnert uns damit daran, daß es nicht die Themen sind, um derentwillen wir Richard Fords Erzählungen immer wieder lesen.

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