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Rezension : Bassam Tibi untersucht die islamische Zuwanderung in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Bild: DVA

Neues Sachbuch: Deutschland fehlt ein Einwanderungskonzept. Es droht die Balkanisierung. In seinem neuen Buch kritisiert der „Bürger Bassam Tibi“ die verspätete Nation.

          Gemäßigt geben sich islamistische und orthodox islamische Vereine nur gegenüber der deutschen Öffentlichkeit. In den Moscheen und Versammlungsräumen predigen ihre Sprecher dagegen Ablehnung und Hass auf die westliche Gesellschaft und ihre Werte. Bereits Kinder werden so indoktriniert und damit ihre Integration in die europäische Gesellschaft von vornherein verhindert. Integrationsunwilligkeit der muslimischen Einwanderer, die auf dem Weg sind, zu einer Parallelgesellschaft in Deutschland und Europa zu werden, korrespondiert dabei mit der Integrationsunfähigkeit der Deutschen.

          Die kommen bei diesen Erkenntnissen wie immer zu spät: Sie stehen den Einwanderern entweder als Feinde gegenüber oder gehen in ihrer Multi-Kulti-Borniertheit und selbstverleugnerischen Toleranz so weit, dass sie die eigenen freiheitlichen Werte verraten, um es nur allen Fremden möglichst Recht zu machen. Das Ende vom Lied: Islamisten planen von Deutschland aus Anschläge in Amerika und Frankreich.

          Geschimpfe gegen die Widersacher

          Wer das sagt, ist nicht ein Vertreter der äußersten Rechten. Es ist der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi. In seinem jüngsten Buch „Islamische Zuwanderung - Die gescheiterte Integration“ hält der gebürtige Syrer seiner Wahlheimat wieder einmal gnadenlos den Spiegel ihrer eigenen Naivität vor.

          Emotional schimpft Tibi dabei auf seine Multi-Kulti-Widersacher auf der Linken, denen er Wertebeliebigkeit vorwirft. Die anderen ermahnt er dazu, tolerant zu sein, sich mit den Einwanderern zu arrangieren und die vielen Differenzen endlich einmal ohne pseudo-tolerante Tabuisierung zur Sprache zu bringen. Tibi verlangt aber auch genau hinzuschauen, wer es ist, der da Zutritt oder Asyl verlangt. Einschränkungen des Asylrechts sind dabei für ihn eine Notwendigkeit: „Wer Dschihad gegen den Westen führen will, ist nicht willkommen“ - unabhängig davon, was ihm zu Hause droht.

          Drohende Balkanisierung

          Nicht nur durch die „Dschihadis“, auch durch jene orthodoxen Muslime, die die Abkapselung ihrer Religions-Gemeinschaft betreiben, gerate Deutschland in Gefahr „balkanisiert“ zu werden. Schuld habe neben den integrationsunwilligen Muslimen aber auch das deutsche Gemeinwesen, dass unfähig sei, ein Einwanderungsgesetz zu schaffen. Die Folge: Es findet eine ungeregelte „Zuwanderung“ statt, die Tibi dem geregelten Prozess gegenüberstellt, den er „Einwanderung“ nennt.

          Deutscher im Sinne einer Bürger-Identität solle nicht nur der sein, dessen Eltern und Großeltern bereits Deutsche waren, sondern auch der, der einen entsprechenden Wertekanon anerkennt und nach ihm lebt. Dass Einwanderer aus der Welt des Islam, dessen Toleranzbegriff weit hinter der europäischen Vorstellung von Toleranz zurückbleibt, schwierige Kandidaten für ein solches Unterfangen sind, stellt Tibi unumwunden heraus.

          Bürgerliche Identität innerhalb des Euro-Islam

          Als Lösung führt er das von ihm entwickelte Konzept des Euro-Islam an, der auf der Grundlage einer solchen vollwertigen Identität als europäischer „Citoyen“ entstehen könne. „Integrierte Muslime würden sich nicht in solche Dschihad-Abenteuer verwickeln lassen“, folgert Tibi und wirbt für eine europäische „Leitkultur“.

          Vielleicht zu Recht verzichtet der Politikwissenschaftler hier angesichts der „Kriegserklärung“ des 11. September auf die Beantwortung der Frage, wie solcher Extremismus entsteht. Statt dessen konzentriert er sich auf seine Abwehr und den Schutz der westlichen Kultur vor den intoleranten Ausbeutern der europäischen Toleranz.

          Anstrengende Selbstbeweihräucherungen

          Tibis Herumhacken auf vermeintlichen typisch deutschen Schwächen nervt. Immer wieder schwer zu ertragen sind auch die üblichen Selbstbeweihräucherungen nach dem Motto „Früher hat man mich geschmäht, nach dem 11. September muss man mir Recht geben.“ Die Gegner der von ihm angestrebten Entwicklung kriegen auf jeder zweiten Seite Tibis Feuerpatsche übergezogen. Ohne allzu viel Einfallsreichtum werden immer wieder die gleichen Sarkasmen aufgefahren, die, aneinander gereiht, einem Kapitän Haddock alle Ehre gemacht hätten („Gutmenschen, Gesinnungsethiker, evangelische Kirchenväter, Grüne, Moralapostel“). Bei konkreten Vorschlägen bleibt Tibi dagegen im Ungefähren.

          Erhellend, mitunter wohltuend ist es, von einem „deutschen Moslem“ und Kenner der islamischen Kultur einmal nicht die lauwarmen Rechtfertigungen schwer zu akzeptierender Praktiken der Shari´a zu hören. Genau das, was in der islamischen Welt so schwer zu finden und dort meist auch nur unter Lebensgefahr zu leisten ist, nämlich die kritische Distanz zur eigenen Kultur und Geschichte, bekommt der Leser bei Tibi aus berufener Feder geboten. Dafür mag man dann auch über das Eine oder Andere hinwegsehen.

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