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Zukunft der Energie : Das Positive an der Braunkohle kann man sehen

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Der Niederrhein macht Dampf: Einer der beiden Kühltürme des noch nicht fertiggestellten Kraftwerks Neurath II Bild: Edgar R. Schoepal

Wer redet eigentlich noch vom Klimaschutz? In Grevenbroich wird bald ein gewaltiges Kohlekraftwerk in Betrieb genommen. Die Anwohner sind hin- und hergerissen zwischen Angst und Industrieromantik. Eine Ortsbegehung.

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          Neurath dampft. Wir fahren im Rhein-Kreis-Neuss auf der Kreisstraße 26 nach Süden, geradezu auf das Braunkohlekraftwerk, das rechter Hand dichte Dampfsäulen aus weißen Quellwolken senkrecht in die Atmosphäre steigen lässt. Links liegt das zweite Neurather Kraftwerk, ein Neubau, in dem es noch nicht kocht. Das fliehend flache Panorama des Niederrheins lässt die Kraftwerke mächtiger wirken, je näher man ihnen kommt. An einer Brücke, die über eine abgesenkte Bahntrasse führt, legen wir einen Halt ein.

          Donnerrauschend zieht unter uns ein schwerer und nicht enden wollender Güterzug seine abertausend Tonnen schwere Kohlefracht nach Neurath. Dieser Zug ist die nicht zu überhörende akustische Signatur der Stromindustrie, die am Standort Neurath allen UN-Klimakonferenzen und weltweitem Kohlendioxid-Alarm zum Trotz einigermaßen ungerührt auf fossile Brennstoffe setzt. Aber der GAU von Fukushima und der nun parteiübergreifend forcierte Atomausstieg könnten auch die Perspektive auf Neurath noch einmal verschieben.

          Die Sonne steigt. Bald reflektiert sie sich in dem silbrigblauen Anstrich der Kesselhäuser, die schweigend auf jahrzehntelange Befeuerung warten. Die Kühltürme werfen kilometerlange Schatten auf das Land. Wie die Morgensonne steigt und Dampfsäulen, Bahntrassen und Förderbänder immer stärker konturiert, blitzt eine Ahnung davon auf, was das denn sein könnte: die Schönheit der Technik. „Das ist ein atemberaubender Ausblick“, behauptet Stephanie Schunck, die Leiterin der Unternehmenskommunikation der RWE Power AG, die das Kraftwerk baut und betreibt. Wir stehen auf einem Metallpodest über dem Dach eines Kesselhauses in 162 Meter Höhe und sind froh, dass kein Wind weht. Wir überblicken das rheinische Braunkohlerevier, das größte seiner Art in Europa. Von hier aus werden fast vierzig Prozent des Strombedarfs von Nordrhein-Westfalen gedeckt, die Kohle ist als fossiler Rohstoff auch bundesweit noch immer der wichtigste Energieträger. Mehr als vierzig Prozent der deutschen Stromproduktion entfallen auf die Kohle, davon 18,3 auf die Stein- und 24,5 Prozent auf die Braunkohle - die nicht subventioniert wird.

          90.000 Tonnen Stahl: Am Kraftwerk Neurath II wird weiter kräftig gebaut
          90.000 Tonnen Stahl: Am Kraftwerk Neurath II wird weiter kräftig gebaut : Bild: Edgar R. Schoepal

          Sechs Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid

          Im Norden ist Düsseldorf noch zu erkennen, im Osten ist der Kölner Dom wegen der milchigen Wetterlage aber schon nicht mehr zu sehen, und der Blick nach Südwesten, nach Aachen, wird von der Sophienhöhe begrenzt, einer Abraumhalde des Tagebaus Hambach. Im Südosten arbeitet das Kraftwerk Niederaußem, das mit seinen 172 Meter hohen Kesselhäusern zu den höchsten Industriegebäuden in Deutschland zählt und dessen Kühlturm sogar der höchste der Welt ist. Superlativen also allenthalben. Vielleicht wirkt Niederaußem deshalb so nah, wie auch das dampfende Neurather Kraftwerk, und es scheint, als könnte man mit dem Arm hinüberlangen, über eine Luftlinie von etwa einem Kilometer. Die Vollrather Höhe im Osten, ebenfalls eine Abraumhalde, verschränkt auch den Blick nach Grevenbroich, der selbsternannten Bundeshauptstadt der Energie. Diesen Beinamen führt die Stadt seit sechs Jahren, als man in einem Kreativwettbewerb diesen Slogan für die Anwerbung von Investoren erfand.

          Hier in Grevenbroich, im Stadtteil Neurath, hat der Energiekonzern RWE das Kraftwerk vom Typ BoA gebaut. BoA steht für „Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik“. Die Baustelle galt zeitweilig als eine der größten in Europa. Als 2007 mehrere Arbeiter bei einem Unfall ums Leben kamen, war der Bau zeitweilig heftig umstritten. Bisher gab es drei tödliche Zwischenfälle in Neurath. Zwei BoA-Blöcke gibt es nun im neuen Kraftwerk, F und G. Die fünf Blöcke A bis E arbeiten im alten Neurather Elektrizitätswerk, das seit 1972 in Betrieb ist. Beide Blöcke haben eine Bruttoleistung von mehr als eintausend Megawatt und emittieren bis zu sechs Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid als herkömmliche Blöcke. So arbeiten die neuen Blöcke von der Anlieferung der Kohle über deren Transport vom Kohlenbunker zur Kohlemühle bis zur Verbrennung als Kohlestaub im Feuerraum nahezu vollautomatisch. Auch deshalb hat RWE in Frimmersdorf bereits vier alte Blöcke vom Netz genommen. An diesem Standort wird seit 1926 Strom erzeugt. 2,2 Milliarden Euro hat RWE in die Erforschung und Entwicklung der BoA investiert, und wenn die Arbeiten zur Inbetriebnahme in diesem Frühling nach Plan verlaufen, kann der erste Block noch in diesem Jahr kommerziell Strom erzeugen. Der zweite Block soll später zugeschaltet werden.

          Länger als ein Menschenleben lang ist

          Die Baufläche hat derzeit eine Größe von knapp 52 Hektar. Das entspricht ungefähr siebzig Fußballplätzen, auf denen 90 000 Tonnen Stahl verbaut wurden. Zum Vergleich: Der Eiffelturm bringt 7300 Tonnen auf die Waage. Bereitet denn ein solcher Koloss kein Unbehagen?

          Zustimmung kommt jedenfalls nicht von Karsten Smid. Er arbeitet im „Klima & Energiebereich Greenpeace Deutschland“ und ist mit Kollegen im Dezember 2005 protesthalber auf den Kühlturm geklettert: „Für mich sind das Abbaggern der Braunkohle und die Zerstörung des Klimas ein Verbrechen an der Menschheit.“ Die Zukunft der Braunkohle scheint dennoch ungefährdet. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzte im August 2010 die Reserven und Ressourcen auf insgesamt 77 Milliarden Tonnen, „von denen bei den gegenwärtigen Energiepreisen mehr als 40 Milliarden Tonnen wirtschaftlich gewonnen werden können“. Die heimischen Vorkommen von Erdöl und Erdgas sind in Relation dazu wesentlich geringer, so dass die Energiegewinnung aus Braunkohle noch länger andauern könnte, als ein Menschenleben lang ist.

          Im Kampf gegen die Kohle

          „Die Braunkohle hat mir mindestens fünfzehn Jahre meines Lebens genommen“, erzählt Hermann-Josef Weidemann. Der Pensionär sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Neu-Otzenrath. Weidemann ist ein Umsiedlungs-Betroffener. Er wurde samt seiner Kfz-Werkstatt, seinem Haus und mit dem gesamten Dorf an einen anderen, neuen, unbekannten Ort versetzt. Seine Heimat musste dem Tagebau Garzweiler weichen, dem Synonym für bergbaubedingte Umsiedlungen und die private Tragik der Braunkohle-Verstromung. Neu-Otzenrath ist die Rekonstruktion von Otzenrath, jetzt Alt-Otzenrath genannt. Und Neu-Otzenrath könnte wie die Simulation eines neugebauten Ortes wirken, wenn das Rauschen der Autobahn und Vogelgezwitscher nicht wären.

          Wir blicken von der Terrasse in einen Garten mit geschwungenen Blumenbeeten und einem Rasen von frappierend modellhafter Akkuratesse. Hier wohnt Weidemann seit sechs Jahren. Ist er heimisch geworden? „Nein, das ist keine Heimat“, erklärt er, fast ruft er es. „Aber was soll ich denn machen? Es muss mir eine Heimat werden, ob ich das will oder nicht.“ Eigentlich wurde Weidemann zweimal umgesiedelt. Einmal beruflich, einmal privat. „Nehme ich beides zusammen, habe ich fast 25 Jahre lang meine Lebensenergie in den Kampf gegen den Bergbau, den Raubbau, die Braunkohle gesteckt.“ Weidemann hat sich in Aufklärungen, Ausschüssen, Bürgerinitiativen, Gegenwehren, Heimatvereinen und Verhandlungen bis zur Selbstaufgabe engagiert. Der Inbetriebnahme in Neurath sieht er machtlos entgegen. Um auch Neurath zu befeuern, wird es weitere Umsiedlungen geben.

          Menschen voller Energie

          Weidemanns feste Stimme verrät nichts von einem aufreibenden Kampf gegen den erzwungenen Austausch dessen, was einmal ein sicherer Ort in einer unsicheren Welt war. Er spricht klar, überzeugt, sein Tonfall ist zuweilen wütend. „Ein Nachbar von mir war zum Zeitpunkt der Umsiedlung bereits in Pension. Als er sein neues Haus bezog, starb er wenige Wochen später. Ich behaupte: Der ist an der Umsiedlung gestorben!“

          Ursula Kwasny (CDU) ist die Bürgermeisterin der Bundeshauptstadt der Energie. Als solche spricht sie nicht von Kraftwerken, sondern nur von den „Werken“. Und setzt sich erst von ihrem Vorgänger Axel Prümm (CDU) ab, um dann im rheinischen Singsang eine eigene Energie-Slogan-Exegese zu exerzieren: „Also der meinte ja wirklich nur die Kraftwerke. Ich interpretiere den Satz aber ganz anders und berücksichtige auch die regenerativen Energien, die Windräder auf der Vollrather Höhe ebenso wie die Photovoltaikanlage am Neurather See. Und vor allem denke ich bei diesem Motto an die Grevenbroicher Menschen, die voller Energie sind.“ Unter ihrem Fenster, mit Blick auf Kirche, Kneipe, Eiscafé und Reisebüro, laufen viele Menschen voller Energie über den Marktplatz.

          „Das ist meine Heimat!“

          Energetisch ist auch die Einrichtung ihres ästhetisch reizarmen Büros: In einer von zwei raumhohen Plexiglassäulen ist die Flözstruktur der Region nachgebaut, die andere ist als Reverenz an ein ortsansässiges Aluminium-Werk in entsprechende Folie eingewickelt, und über beiden Säulen zuckt ein kupferner Blitz, Symbol für die Stromindustrie - Energie, wohin man nur schaut. „Wir haben das neue Werk immer positiv begleitet. Nur die Grünen sehen den positiven Trend der Braunkohle nicht.“ Ursula Kwasny lebt in Neurath, in unmittelbarer Nähe zum neuen „Werk“, in einer „einfachen Wohnlage“. So klassifiziert der Immobilien-Kompass der Finanzzeitschrift „Capital“ die Stadtteile, die viel mehr einzelne Dörfer denn Teile einer Stadt sind und im Schatten der „Werke“ liegen. Die Orte liegen im Halbkreis um die Vollrather Höhe, den künstlich aufgeschütteten Berg von Grevenbroich. Und Kwasny schwärmt: „Nach jedem Urlaub bin ich froh, wenn ich die Werke wieder sehe. Ich liebe meinen Ort, ich fühle mich da zu Hause, das ist meine Heimat!“

          „Im Gegensatz zu den Landesgrünen in Düsseldorf und den Bundesgrünen in Berlin waren wir hier vor Ort schon immer gegen die weitere Verstromung von Braunkohle und damit auch gegen das neue Kraftwerk. Diese Position haben wir auch nach der Katastrophe von Fukushima nicht geändert, aber leider sind die rechtlichen Gegebenheiten eben so, wie sie sind.“ Fatalismus schimmert durch, wenn Dirk Gawlinski, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Grevenbroich, von der anstehenden Inbetriebnahme in Neurath spricht. „Wir wissen, dass es anders geht. Dass wir mit regenerativen Energien unseren Strombedarf decken können. Es gibt viele Studien dazu, das ist doch bekannt. Aber solange die Großen, die das viele Geld haben, in die alte Technik investieren, wird sich in den neuen Technologien nichts tun.“

          Angst vor dem Krebs

          Ob Gawlinski denn nachvollziehen könne, dass die Menschen in der Region mit den Kraftwerken eine Verbindung spüren, in ihnen ihre Heimat sehen, sie sogar schön fänden? „Ich glaube, die Menschen sehen in erster Linie nur ihren Arbeitsplatz.“ Sinnierend blickt er durch das spartanische Parteibüro und konzediert dann doch: „Gut, das hat schon einen gewissen Charme von Industrieromantik, wenn man im Sommer über die Felder geht und die dampfenden Kühltürme sieht und es ist blauer Himmel und womöglich schimmern die Weizenfelder in einem goldgelben Licht.“ Gawlinski muss lachen, als er nach der Bundeshauptstadt der Energie gefragt wird: „Ist das nicht ein Witz? Ich fand den Spruch schon immer arg überheblich. Wir leben doch hier in der Bundeshauptstadt der CO2-Emission! Denn in Grevenbroich wird überproportional viel CO2 produziert.“

          Hat man vor solchen Kraftwerken eigentlich Angst? Gawlinsky nicht. Aber er hat erhebliche Bedenken, „vor allem in Gustorf. Da hatten wir ja Feinstaub-Probleme, die sich Gott sei Dank gebessert haben. Denn im Ruhrgebiet hat eine Studie gezeigt, dass mit erhöhter Feinstaubbelastung das Leukämie-Risiko steigt.“ Auch Margaret Hamelmann vermutet Gesundheitsschäden durch die Kraftwerke: „In letzter Zeit wird viel davon gesprochen, dass die Menschen hier vermehrt an Krebs erkranken. Ob das Zufall ist oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Ein Zusammenhang mit den Kraftwerken lässt sich jedenfalls nicht bestätigen.“ Die Lehrerin wohnt in Rommerskirchen bei Grevenbroich und blickt aus ihrem Küchenfenster auf die neuen BoA-Blöcke, die etwa zwei Kilometer weit entfernt sind.

          Weiter Forschen

          Ihre Kollegin Angelika Coh lebt in Frimmersdorf an der Ortsgrenze zu Neurath, das ist fast die Mitte zwischen den beiden gleichnamigen Kraftwerken. Hinter dem Garten erstreckt sich eine Abraumhalde, früher war da die „Grube“. So nennt Coh den Tagebau. Auf der Halde stehen jetzt Windenergieanlagen: „Die sind wesentlich lauter als die Kraftwerke.“ Die „Bundeshauptstadt der Energie“ hält Coh für eine „nette Idee. Aber für bare Münze nehme ich das nicht. Außerdem wirken die Kraftwerke auf Besucher bedrohlich.“ Unterdessen erforscht RWE am „Innovationszentrum Kohle“ in Niederaußem den weiteren Ausbau der BoA-Technologie.

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