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Urlaub in Griechenland : Katastrophentourismus

  • -Aktualisiert am

Am Strand von Tolo ruhen sich die Urlauber von der Anstregnung aus, die Griechen zu retten Bild: Friederike Haupt

Trotz Euro-Krise fahren jetzt viele Deutsche in den Urlaub nach Griechenland. Sie versuchen, vor Ort ganz pauschal mit Geld und guten Ratschlägen zu helfen. Allein der Grieche nimmt kaum etwas an.

          9 Min.

          Es ist spät, als Holger wütend wird auf die Griechen. „Das ist 'ne Sauerei hier, ganz ehrlich“, sagt er und schaut durch die geschlossene Glastür des Supermarktes. Holger will einkaufen, einen Beutel Hundefutter der Marke Chappi, Geschmacksrichtung Rind („mit fleischigen Brocken“), Preis: 7,60 Euro. Doch nun, kurz vor Mitternacht, ist der Supermarkt dunkel, obwohl er gestern um diese Zeit noch geöffnet hatte. „So eine Scheiße“, sagt Holger, der eben noch bestens gelaunt und der Meinung war, alles richtig gemacht zu haben mit diesem Urlaub. „Die Griechen“, sagt Holger, „sind halt doch was anderes.“ Zu faul, um ihm etwas zu verkaufen, obwohl sie sein Geld doch dringend brauchten. Kopfschüttelnd macht er sich auf den Heimweg ins Hotel.

          Am Morgen hatte man Holger am Strand getroffen. Ob man einen Blick in seine Zeitung werfen dürfe, hatte man gefragt und ihn gesiezt, und Holgers erster Satz war gewesen: „Man sagt hier Du“, dann hatte er die „Bild“-Zeitung herübergereicht. Breitbeinig auf dem Rand seines Liegestuhls sitzend, hatte er rasch alles von sich erzählt, was er für wissenswert hielt. Frührentner, davor Versicherungsbranche, aus der Nähe von Köln, rheinische Frohnatur, „stimmt's, Geli?“ Seine Frau, von der Liege hinter ihm, müde: „Jo.“ Urlaub machten sie immer da, wo auf den Sommer noch Verlass sei. In diesem Jahr in Griechenland. Hier könne man, hatte Holger nach einem Schluck Wasser aus der Eineinhalb-Liter-Flasche, Preis: ein Euro an der Strandbar, gesagt, zurzeit viel Geld sparen. „Stimmt's, Geli?“ Geli, wacher: „Jo!“

          Gut leben die Einheimischen nicht

          Es muss in Tolo, wo heute Holger mit seiner Geli und seinem Cockerspaniel Ferien macht, einmal sehr schön gewesen sein. Ein kleiner Ort hundertfünfzig Kilometer südwestlich von Athen, die Busfahrt dorthin schon ein Glück: die Küstenstraße, das fast künstlich blaue Mittelmeer, die Berge, die Olivenbäume, die blühenden Büsche, bushoch. Tolo war ein Fischerdorf, bis in den siebziger Jahren Deutsche, Engländer und Franzosen kamen. Heute ist es ein Touristendorf, eigentlich nur eine dichtbebaute Straße parallel zum Strand.

          Blick von einem Balkon des Hotels „Tolon Holidays” im griechischen Urlaubsort Tolo. Rechts eine von vielen Bauruinen im Ort. Im Pool schwimmt ein deutscher Tourist
          Blick von einem Balkon des Hotels „Tolon Holidays” im griechischen Urlaubsort Tolo. Rechts eine von vielen Bauruinen im Ort. Im Pool schwimmt ein deutscher Tourist : Bild: Friederike Haupt

          Es dauert zwanzig Minuten, sie vom Ortseingang bis zum Ortsende entlangzuschlendern, und wer dabei die Hotels, Apartmenthäuser, Pensionen und Campingplätze zählt, kommt auf dreiundfünfzig. Dazwischen Tavernen, Bars, Nachtclubs, Souvenirgeschäfte, Supermärkte, Autovermietungen und ein paar Gassen, die gerade breit genug sind, dass Reisebusse hindurchpassen. Nach links führen sie zum Meer, nach rechts eine Anhöhe hinauf mit noch mehr Hotels und den Häuschen der meisten der tausendvierhundert Einheimischen. Fast alle leben vom Tourismus, und zurzeit leben sie nicht gut.

          Was kann dieses Land noch geben?

          Das liegt an der Wirtschaftskrise. Viele Griechen, die in den vergangenen Jahren ihren Urlaub in Tolo verbrachten, kommen nicht mehr. Sie sind arbeitslos oder sparen für den Fall, dass sie es bald werden. Ausländische Touristen fürchten Streiks an den Flughäfen oder dass das Benzin für ihre Mietwagen knapp wird, oder dass sie auf dem Weg zur Akropolis in eine Straßenschlacht geraten, falls es wieder zu Aufständen gegen die Regierung kommt. Bankrotte Investoren haben graue Bauruinen mitten in Tolo zurückgelassen. Ein flacher Glasbau, der noch im vergangenen Jahr ein Supermarkt war, staubt nun leer vor sich hin. Der Pächter konnte die tausend Euro Miete im Monat nicht mehr zahlen, erzählen sie hier. Und unter all den Krisenzeichen ist die Wut der Deutschen für die Griechen am wenigsten zu verstehen.

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