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Suchmeldung : Wo ist Horst Köhler?

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Ausriss aus dem Ostfriesischen Kurier Bild: Ostfriesischer Kurier, Foto: Trebsdorf

Vor acht Wochen trat Horst Köhler zurück und hinterließ ein ratloses Land. Er erklärte sich nicht und entzog sich den Menschen, deren Präsident er hatte sein wollen. Da hieß es auf einmal, er sei an der Nordsee. Eine Suchmeldung.

          Anfang der Woche und als man es eigentlich aufgeben wollte, hieß es dann auf einmal, Horst Köhler sei gerade auf Norderney. Das war nach lauter Telefonaten, Briefen, auf die keine Antwort kam, und Gesprächen, aus denen man nicht berichten sollte, überhaupt einmal ein Hinweis. Sieben Wochen war es her, dass Horst Köhler zurückgetreten war. Das erste Staatsoberhaupt, das sein Amt aufgegeben und die Bürger verlassen hatte, deren Präsident er hatte sein wollen. Und jetzt war er also auf Norderney. Er mache Urlaub, hieß es, in einem Hotel am Strand. Keine Ahnung, wo man ihn erwartet hatte, jedenfalls nicht auf einer Nordseeinsel, am Strand, mitten im Sommer, zwischen all den Leuten.
          Hatte er keine Angst vor Fragen?

          Es war ein Montag, als Horst Köhler zur Pressekonferenz rief. Die Einladungen gingen mittags um halb eins an die Redaktionen, ein Thema wurde nicht genannt, einige Medien nahmen den Termin gar nicht ernst. Anderthalb Stunden später öffnete sich die Tür zum Konferenzraum im Schloss Bellevue und Horst Köhler und seine Frau traten heraus. Er hielt sie fest an der Hand oder sie ihn, so genau war das nicht zu sagen, und gemeinsam gingen sie ans Pult, an dem er, ohne eine Anrede zu verwenden, zu sprechen begann. Satz für Satz las er ab, nach jedem sah er auf, und nach sechs Sätzen hatte er seinen Rücktritt erklärt, mit sofortiger Wirkung. Das Auto, das ihn und seine Frau keine zehn Minuten später nach Hause brachte, trug bereits keine Standarte mehr. Als flüchte da einer aus großer Not.
          Was war denn schon passiert?

          Es schien alles ein Irrtum zu sein

          Auf dem Heimflug von einer Reise nach China, auf der er einen Zwischenhalt in Afghanistan machte und deutsche Soldaten besuchte, hatte er einem Radiojournalisten ein Interview gegeben, das so klang, als befürworte er Wirtschaftskriege. Es dauerte Tage, bis aus den verdrehten Sätzen ein Thema wurde, an dem der Berliner Betrieb einen absurden Gefallen zu haben schien. Auch am Sonntag war die Presse für Horst Köhler nicht gut gewesen, aber als er bei einer Matinee im Schloss Bellevue ein Buch über Afrika vorstellte, wirkte er gelöst und verabredete sich mit dem Botschafter von Burkina Faso für die Fußball-Weltmeisterschaft, zu der er in der kommenden Woche reisen wollte. „See you in your village“, sagte er. Dann fuhr er in seine Dienstvilla nach Dahlem, und wenn er nicht da schon zum Rücktritt entschlossen war, kann die Entscheidung nur am Abend gefallen sein.

          War Köhler hier? Sonnenuntergang im Hotel Seesteg auf Norderney

          Vier Wochen zeigte er sich nicht in der Öffentlichkeit. Als schließlich sein Nachfolger vereidigt wurde, musste er es. Er saß im Bundestag, links neben ihm seine Frau, rechts Christian Wulff, um ihn herum die zwölfhundert Mitglieder der Bundesversammlung. Immer wieder schwenkten die Kamera zwischen seinem und dem Gesicht von Angela Merkel hin und her, als sei da etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen gewesen. Die Redner dankten ihm für seine Arbeit, ohne den Grund zu nennen, weshalb er sie nicht fortsetzte, so als sei dazu nichts weiter zu sagen. Die Hände im Schoß gefaltet hörten Horst Köhler und seine Frau ihnen zu, zwei Einsame in einem Raum voller Menschen. Wenn er gehofft hatte, er würde mit seinem Rücktritt eine Debatte auslösen, muss er spätestens jetzt gesehen haben, dass ihm das misslungen war. Ratlosigkeit drückte auf den Saal. Es schien alles ein Irrtum zu sein.

          Aber wessen? Seiner? Der des Landes?

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