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Spielzeug : Der große Dreh

  • -Aktualisiert am

Die heilige Spielzeugmesse von Nürnberg

Es ist der Tag, bevor die Messe beginnt. In den Hallen werden noch Stände aufgebaut, während die Firmen in einem mehrstöckigem Kongresszentrum ihre Neuheiten zeigen. Es gibt einen roten Teppich für leuchtende Bumerangs, eine riesige Autorennbahn mit Hostessen, die sich als Boxenluder verkleidet haben und jede Menge Vitrinen mit Plastikpferden und Ninja-Figuren. Der Stand von Hasbro wirkt wie leergeräumt, links liegt ein müder Hund in einem Korb, rechts steht eine kleine Arena, an der zwei Jungen für Fotografen mit Kreiseln spielen. Daneben liegt der Prototyp. Er sieht irgendwie klobig und stumpf aus, und an seiner Startmaschine hängen noch ein paar Drähte heraus. „Das wird noch cooler aussehen, wenn er in die Läden kommt“, sagt Rafaela Hartenstein.

Sie ist schon seit einiger Zeit bei Hasbro und hat die Markteinführung der Kreisel in Deutschland betreut. Das war vor neun Jahren, als die Firma die Rechte an ihnen in Asien erworben hatte und weltweit fast einhundert Millionen Stück von ihnen verkaufte. Der Markt für Jungenspielzeug ist in Deutschland nicht sehr groß, Kriegerfiguren, wie sie in England oder Spanien beliebt sind, mögen deutsche Eltern nicht besonders. Sie haben es gern, wenn ihre Kinder beim Spielen etwas lernen können, sie mit anderen austauschen. Gegen Kreisel war da eigentlich nichts einzuwenden, aber hätte es nicht die Trickfilmserie gegeben, sie lief damals auf RTL II, die Kreisel wären vielleicht in den Regalen liegen geblieben. Es ist ein Konzept, mit dem Hasbro in der Folge nicht nur ins Fernsehen ging. Für die Transformer, außerirdische Roboter, die den Kampf zwischen Gut und Böse auf der Erde austragen, gab es gleich einen eigenen Kinofilm, der, wenn man es so sieht, auch nur ein Werbespot war.

Anderthalb Jahre, nachdem Hasbro die Kreisel nach Deutschland gebracht hatte, brach die Welle dann ab. Das ist für Spielzeug nicht ungewöhnlich und liegt meist daran, dass das jüngere Geschwister nicht mit Sachen spielen will, mit denen das ältere schon gespielt hat. Die Firmen warten dann eine Zeit, verändern ihr Produkt ein wenig und bringen es abermals auf den Markt. Als die Beyblades Mitte vergangenenen Jahres nach Deutschland kamen, hatten sie stärkere Metallringe als früher, die Idee aber, dass man mit ihnen kämpfen, tauschen und sammeln kann, war alt. Achthunderttausend Stück hat Hasbro vor Weihnachten in den Markt gedrückt, jetzt sind die Lager leer und die Preise steigen. Die Kreisel, sagt Rafaela Hartenstein, seien im vergangenen Jahr das viertbeliebteste Spielzeug überhaupt gewesen. Inzwischen kommt der Nachschub aus China nicht mehr nur mit dem Schiff sondern auch mit dem Flugzeug. Und nun sind sie also auch noch ferngesteuert.

„Ich liebe mein Leben.“

„Ich glaube nicht, dass sich das Ding verkauft“, sagt der Junge später. Er versteht nicht, wie man an den Kreiseln etwas verändern kann, wo sie für ihn doch perfekt sind. Aber er will niemanden kränken. Auf der Heimfahrt hält er „Rock Leon“ in der Hand, den er geschenkt bekam und sagt: „Ich liebe mein Leben.“

Einige Tage darauf kommt er aus der Schule nach Hause und weint. Er hat zwei Kreisel verloren, so wie ein anderer Junge zwei Kreisel verloren hatte, ein paar Wochen zuvor. Vielleicht ist doch alles ein großer Kreislauf. Gerade hat er sich wieder ein Stück weiter gedreht.

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