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Spielzeug : Der große Dreh

  • -Aktualisiert am

Vom darauffolgenden Tag an war es, als besuche dieser kleine Junge nicht mehr die zweite Klasse einer Grundschule sondern habe sich an einer Beyblade-Universität eingeschrieben, an der er Vorlesungen hörte und Klausuren zu bestehen hatte. Kaum war er zu Hause, setzte er sich vor den Computer, um sich im Internet auf den Stoff des nächsten Tages vorzubereiten. Da gab es eine japanische Zeichentrickserie, deren bleichgesichtige Fremde ihre Kreisel aufeinander hetzten, es gab Videofilme, in denen körperlose Hände die besten Kämpfe nachspielten und Foren, in denen Jungs beschrieben, wie sie ihre Oberarmmuskeln trainiert hatten, damit die Reißleine schneller durchziehen konnten. Es gab eine ungeheure Menge an Wissen nachzuholen, aber er bewältigte sie spielend und teilte sie bereitwillig.

„Ich glaube, ich bin beybladesüchtig.“

Ich lernte, dass es mindestens zwei Dutzend verschiedene Beyblades gab und jeder Kreisel aus fünf Einzelteilen bestand, Symbolbolzen, Energie-Ring, Fusionsscheibe, Rotationsspur und Spitze, die man alle untereinander tauschen und sich so das stärkste Modell zusammenbauen konnte. Ich lernte, dass die Fusionsscheibe, in der ich nur einen Metallring gesehen hatte, und die Spitze den Charakter des Kreisels in Bezug auf Angriff, Verteidigung oder Ausdauer veränderten, und ich konnte die Scheiben und Spitzen bald voneinander unterscheiden. Einmal hatte ich tatsächlich gesehen, wie sich ein Kreisel mit Balancespitze wieder aufgerichtet hatte, nachdem er von einem anderen getroffen worden war. Es gab Abende, da betrat ich das Kinderzimmer wie eine Parallelwelt, die sich um nichts anderes drehte als Kreisel. Wenn ich es wieder verließ, lagen drei davon in einer Holzkiste vor dem Bett, damit sie das erste waren, was der Junge sah, wenn er aufwachte. „Ich glaube, ich bin beybladesüchtig“, sagte er.

Als sich kurz darauf herausstellte, dass der Junge mit dem Material, das er hatte, die Kämpfe, denen er sich in der Schule zu stellen hatte, keinesfalls bestehen konnte, fuhren wir wieder in den Spielzeugladen. Unterwegs priesen wir Modelle und verwarfen sie wieder, „L-Drago?“, „Dark Bull?“, „Rock Leon?“, doch als wir ankamen, sahen wir, dass es keinen davon gab. Es gab auch keinen anderen. Wir fuhren in den nächsten Spielzeugladen, da war es dasselbe. Im dritten Geschäft kamen wir gar nicht bis zum Regal, weil schon am Eingang ein großer Zettel hing: „Beyblades ausverkauft“. Das vierte Geschäft hatte bereits geschlossen, und auf dem Rückweg war mir, als säßen wir beide nicht in einem Auto sondern im Inneren eines riesigen Pendels, das zwischen irrer Vorfreude und wahnsinniger Enttäuschung hin- und herschwingt.

Ganz Berlin ist ausverkauft

Zuhause bestellten wir den Kreisel bei einem Händler im Internet, obwohl er dort fünfzig Euro kostete, nicht fünfzehn. In fünf Tagen sollte das Paket ankommen, aber da kam es nicht und nach sechs Tagen verfiel der Junge in eine Trauer, die schier ausweglos war. Ich rief die großen Spielzeugläden der Stadt und die Spielzeugabteilungen der Kaufhäuser an, doch oft brauchte es nur ein Gespräch, um herauszufinden, dass ich es in den anderen Filialen gar nicht versuchen musste. Berlin war ausverkauft. Womöglich kämen im ein paar Wochen welche rein, womöglich im April. Nach vierzehn Tagen schrieb der Händler aus dem Internet, dass ihm das Paket auf dem Weg verloren gegangen war. Seit ich einmal meiner Mutter einen Milchtopf schenken wollte, hatte ich mich nicht mehr so vergeblich um etwas bemüht, aber das war noch in der DDR gewesen, jetzt hatten wir Kapitalismus. Wie konnte da etwas, das jeder kaufen wollte, so schwer zu bekommen sein?

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