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Sicherungsverwahrung : Kommt einer raus

  • -Aktualisiert am

Rückweg in ein geordnetes, aber planmäßig beengtes Leben Bild: dpa

Ein Mann hat zwei Frauen vergewaltigt und die Hälfte seines Lebens im Gefängnis gesessen. Nun ist er frei, gilt aber weiter als gefährlich. Die Gesellschaft, in die er zurückkehrt, fürchtet sich vor ihm. Ein Fall aus Freiburg.

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          Für den Mann, der in dieser Geschichte Herbert Michels heißen soll, öffnete sich das Tor zur Freiheit an einem Freitag vor drei Monaten. Es war ein freundlicher Septembermorgen in Freiburg. Um zehn Uhr teilte man Herrn Michels mit, dass er an diesem Tag entlassen wird. Er sollte seine Sachen packen und das Gefängnis, das in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums liegt, um vierzehn Uhr verlassen. Als er aber vor das rotbraune Tor trat, warteten dort bereits fünf Polizeibeamte auf ihn, die ihn von diesem Augenblick an begleiten sollten, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, auf Schritt und Tritt. Sie lassen ihn nicht aus den Augen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Herr Michels ist ein korpulenter Mann mit grauen Haaren, er bewegt sich bedächtig, sein Händedruck ist schwach, seine Augen zögern eine Weile, bevor sie sich auf die Suche machen nach Blickkontakt. Als er zum Gespräch bei seiner Anwältin erscheint, trägt er ein buntgeringeltes Polo-Shirt und auf dem Rücken eine Tragetasche. Man hat sofort den Eindruck, dass man ihn, sagen wir, in einem Zug oder in einer Straßenbahn vermutlich einfach übersehen würde. Seine Geschichte hat keine äußeren Spuren an ihm hinterlassen, und auch wenn das womöglich gar nicht ungewöhnlich ist, ertappt man sich bei dem Gedanken, das seltsam zu finden. Herr Michels ist knapp über fünfzig Jahre alt und hat etwa die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht.

          Er selbst hält sich nicht für gefährlich

          Im Jahr 1985 hat er zweimal jeweils eine Anhalterin in seinem Wagen mitgenommen, sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Einer dritten Frau gelang rechtzeitig die Flucht. Herr Michels wurde gefasst und zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Außerdem ordneten die Richter an, dass er danach in Sicherungsverwahrung genommen wird, um die Bevölkerung vor ihm zu schützen. Es war nicht die erste Serie von Übergriffen auf Frauen, deren er sich schuldig gemacht hatte – schon in den siebziger Jahren hatte ihn ein Gericht wegen Vergewaltigung verurteilt. Im juristischen Sinn gilt die Sicherungsverwahrung nicht als Strafe, sondern als Maßregel: Wer ihr unterliegt, sitzt zwar im Gefängnis, für ihn müssen dort aber andere Regeln gelten als für die übrigen Häftlinge. In Freiburg sind die Zellen der SVler, wie man sie nennt, beispielsweise von morgens bis abends geöffnet, sie haben einen eigenen Billardraum, größere Fernseher und bekommen für die Arbeit, die sie verrichten, einen höheren Lohn.

          Herbert Michel’s Zeit in der Sicherungsverwahrung wäre nach der alten Rechtslage eigentlich im Jahr 1999 zu Ende gewesen. Dann beschloss die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 1998, dass Sicherungsverwahrte fortan für immer eingesperrt werden können und dass diese Regelung auch für jene gilt, die bereits in Sicherungsverwahrung saßen. Der Gefängnisaufenthalt von Herbert Michels endete deshalb erst in diesem Jahr – als der Europäische Gerichtshof in Straßburg entschied, die deutsche Rechtspraxis verstoße gegen das Rückwirkungsverbot, nachdem man nicht rückwirkend noch einmal bestraft werden kann. Am Donnerstag nun beschloss der Bundestag, dass die Entlassenen in geschlossenen Einrichtungen therapiert werden müssen, solange sie noch gefährlich sind. Es ist eben nur so, dass Herr Michels sich nicht gefährlich hält.

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