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Sahra Wagenknecht : Stolz und Vorurteil

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Das Gedachte geht über das Gefühlte: Sahra Wagenknecht vor dem Grab von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde Bild: Daniel Pilar

Sahra Wagenknecht hat im Leben gelernt, sich vor allem auf sich selbst zu verlassen. In dieser Gesellschaft sollte sie damit eigentlich ganz gut zurechtkommen. Sie will aber dennoch eine andere. Theorie und Praxis einer Kommunistin im Bundestag.

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          Wenn man unbedingt einen Witz über sie machen will, dann könnte man sagen, sie wollte nicht in den Kindergarten, weil sie lieber Bücher gelesen hat. Das ist aber kein Witz. Mit vier konnte sie tatsächlich lesen, mit zehn las sie Freud, und als die Mauer fiel, saß sie in ihrer Ost-Berliner Wohnung über Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Ein weltabgewandtes und auch Revolutionen – jedenfalls dieser einen – nicht zugeneigtes Wunderkind? In ihrem neuen Buch behauptet sie: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung nicht belohnt wird.“ Bildungshungrig, vorzeigbar und, wenn es Radau gibt, abseitsstehend – so eine könnten die bürgerlichen Parteien eigentlich gut gebrauchen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir sitzen an einem strahlend schönen Samstagabend hinten im Auto eines Fahrdienstes eines Mainzer Kulturfestivals, auf dem sie gerade ihre Thesen vom Stapel gelassen hat, und fahren zum Frankfurter Flughafen. Eigentlich geht ihr Flug in einer Dreiviertelstunde, bei der Verabredung gab es ein Missverständnis. Sie greift zum Handy: „Ja, guten Tag, mein Name ist Sahra Wagenknecht. Ich wollte gerne einen Flug umbuchen.“ Das macht zweieinhalb Stunden mehr Redezeit.

          Sahra Wagenknecht trägt ein türkisgrünes Kleid und ihr Haar, das wie bei Kafka tief in der Stirn ansetzt, wie immer geschlossen. Wir rekapitulieren ihren Mainzer Auftritt in einem vor allem von Jutetaschen-Besitzern besuchten Zelt, wo sie gelassen ihr Programm abspulte: die Dominanz des Kapitals, die wenigen, steuerlich unbehelligten Reichen und die vielen und immer noch mehr ausgebeuteten Armen, die mangelnde Bereitschaft zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft, die Privatisierung von allem und jedem, insgesamt: der Mangel an Gemeinsinn. Im Grunde, sagt sie, sei man ein „Wanderprediger. Man wiederholt sich.“ Sie nestelt in ihrer großen, roten Ledertasche und sieht dann aus dem Fenster.

          Der schöne Schrecken des Sozialismus

          Sahra Wagenknecht sitzt seit bald zwei Jahren für die Linke im Bundestag und ist stellvertretende Parteivorsitzende. Jahrelang war sie wie festgenagelt auf die sogenannte Kommunistische Plattform, von der aus sie auch in ihrer Zeit als Europaabgeordnete einen Schrecken verbreitete, der in einem seltsamen Kontrast zu ihrem Äußeren stand. Von der Plattform ist sie bis auf weiteres verschwunden, weil ihr Stellvertreter-Amt eine gewisse Überparteilichkeit innerhalb der Partei erfordert. Deswegen kann es sein, dass die Leute jetzt nicht mehr ganz so fest daran glauben, es breche augenblicklich der Sozialismus aus, sobald sie irgendwo auftaucht.

          Sie erzählt von einer Begegnung mit Hans-Jochen Vogel von der SPD bei Sandra Maischberger. In der Sendung wurde eine Frau von der Linken eingeblendet, die die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, verneinte. Noch bevor die Studiokamera auf Sahra Wagenknecht hielt, ging Vogel quasi schon in die Luft wie ein HB-Männchen und wandte sich für den Rest der Sendung demonstrativ von ihr ab. „So ist das eben in Talkshows: Dauernd treffen Leute aufeinander, die sich nicht leiden können.“

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