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Sahra Wagenknecht : Stolz und Vorurteil

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Ihr iPhone klingelt. Aus ihrer roten Tasche hört man leise die Filmmusik aus der „fabelhaften Welt der Amelie“. Sie geht nicht ran. „Die, die mehr leisten, sollen auch mehr haben. Jede Ökonomie braucht Leistungsanreize, sonst hat der Meister irgendwann keine Lust mehr, Meister zu sein. Die Linke ist in diesem Punkt viel zu zurückhaltend. Es ist ein Klischee, dass die Linke nur für die sozial Schwachen etwas tut. Viele, die heute arm sind, sind überhaupt nicht schwach.“

Was würde Jesus sagen?

In ihrem Buch singt sie, auf Seite 105, das Lob des Mittelstandes, wie man es auch von einem biederen Unternehmer nicht anders hören würde. Und sie hat auch gar nichts dagegen, wenn jemand es mit seiner Firma zu Wohlstand bringt – „aber ab einer bestimmten Größe einer Firma muss es eine Mitarbeiterbeteiligung geben. Und ich bin strikt dagegen, dass größere Firmen vererbt werden. Jeder soll sich selbst seinen Lebensstandard aufbauen. Es ist absurd, wenn einige per Geburt von den Erträgen eines Unternehmens oder Aktienpaketen leben können, ohne je etwas geleistet zu haben. Ich will ja niemandem etwas wegnehmen, aber den geborenen Unternehmer, von dem viele reden, gibt es nicht. Sonst wären wir ja wirklich wieder beim alten Adel. Das sind doch feudale Kategorien.“

„Was würde Jesus sagen?“, fragte vor Jahren Heiner Geißler. Wie ist ihr Menschenbild? Im Grunde setzt der Kommunismus doch den uneigennützigen Menschen voraus. „Der Mensch ist Egoist und soziales Wesen. Welche Eigenschaften gestärkt werden, hängt auch von der Umgebung ab. Unter einem gewissen Schutz verhalten sich die Menschen sozialer.“ Und sie empfiehlt nun sehr das Buch von Kate Pickett und Richard Wilkinson, „Gleichheit ist Glück“. Kann es sein, dass sie die DDR gewissermaßen immer nur gedacht, aber nie richtig erlebt hat? „Mit Gefühlen kann man sehr viel begründen. Rationale Argumente sind wichtiger. Analytisch kann man die Nachteile doch viel besser erfassen. Es gab in der DDR relativ wenig Leistungsanreize, das war ein Fehler.“

Als wir zum nahe gelegenen Bistro aufbrechen, stellt sich uns ein Mann in den Weg. Er trägt Freizeitkleidung und mag sechzig Jahre alt sein. „Entschuldigung, ich glaube, ich kenne Sie. Sind Sie nicht Frau Wagenknecht?“ Das bejaht die Gefragte. Sehr höflich bittet der Mann noch einmal um Entschuldigung, er wolle nicht stören, und geht dann weiter. Das ist alles. Sahra Wagenknecht scheint erleichtert zu sein: „Ich wurde ja schon für alle Toten verantwortlich gemacht, so, als hätte ich die Mauer gebaut.“ In einiger Entfernung rangeln zwei Hunde miteinander, wahrscheinlich Kampfhunde. Aber es passiert nichts. Sahra Wagenknecht bestellt einen Latte macchiato und erzählt von dem Mischling, den sie als Kind hatte. Langsam taut sie auf.

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