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Reinhold Messner : Die Einmannsekte

Als würde er Audienz halten: Es dauert eine Weile, mit Reinhold Messner ins Gespräch zu kommen Bild:

Der Bergsteiger Reinhold Messner ist sein eigener Entwurf geworden. Es gibt niemanden, mit dem er sich noch messen kann, neben ihm ist kein Platz. Das macht ihn zu einem Einzelgänger. Ein Ausflug in die Einsamkeit des Systems Messner.

          8 Min.

          Reinhold Messner steigt an diesem Tag aus einem silberfarbenen Mercedes. Der Parkplatz von Schloss Juval bei Meran ist um neun Uhr morgens ganz leer, am Himmel keine Wolke. Die Landschaft hüllt sich in einen blassen Ton, als würde sie noch schlafen. Reinhold Messner trägt Wanderschuhe, eine leichte Hose, eine Fleecejacke und um den Hals einen tibetischen Dzi-Stein, Glücksbringer der Buddhisten. Er streckt mir die Hand entgegen, er lächelt nicht, er sagt: „Und wir gehen jetzt ein wenig wandern. Später muss ich aber noch was Gescheites tun.“

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Als ich ein Kind war, fuhren wir jedes Jahr in die Berge, die meist im Südtiroler Villnösstal lagen, wo Reinhold Messner aufwuchs. Kein Urlaub, in dem nicht sein Name fiel, in dem mein Vater uns Kinder nicht ernst ansah und sagte: „Das ist die Heimat von Reinhold Messner.“ Es hatte immer etwas Feierliches. Ohne dass wir um die Bedeutung Messners wussten, wurde uns in diesem Augenblick klar, dass es sich um einen sehr berühmten Menschen handeln musste.

          Ihn umgibt etwas Hartes

          Wir stellten keine Fragen. Wir kannten ihn von Fotos, viele seiner Bücher standen im Wohnzimmerregal. Mein Vater blätterte gerne in ihnen, und wir guckten ihm gerne dabei zu. Damals prägte sich mir ein Bild dieses Mannes ein: sein wirres, etwas zu langes Haar, der kühle Blick, die Unerschrockenheit. In all den Jahren ist er für mich nicht gealtert. Er ist geblieben, wer er einst gewesen ist.

          „Um die Natur zu erfahren, muss ich die Zivilisation verlassen”: Reinhold Messner sucht die Grenzerfahrung
          „Um die Natur zu erfahren, muss ich die Zivilisation verlassen”: Reinhold Messner sucht die Grenzerfahrung : Bild: picture-alliance/ dpa

          Es dauert eine Weile, mit Reinhold Messner ins Gespräch zu kommen. Nicht, dass er unfreundlich wäre, er ist freundlich, auf eine professionelle Art und Weise. Als würde er Audienz halten. Er arbeitet Dinge gerne ab, Termine, Interviews, Menschen. Ihn umgibt etwas Hartes, aber das macht ihn nicht unsympathisch, nur unnahbar. Wir gehen in Kehren den Hang hinauf, zügig, wie Menschen, die zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Ort erreichen wollen, Menschen, die ein Ziel haben. Dabei haben wir gar kein Ziel.

          Er erklärt die Gegend. Dass es schwierig sei, die steilen Hänge zu bewirtschaften, dass neunundneunzig Prozent der Äpfel, die auf den endlosen Plantagen wachsen, Südtirol verließen und manchen Bauern reich gemacht hätten. Dass die Plastikplanen, die sich auf dem gegenüberliegenden Hang ausbreiten, wohl Erdbeeren oder Gemüse schützten. Wo man Skilaufen könne. Mir fallen die eindrucksvollen Zahlen ein, ohne die sich Reinhold Messner nicht begreifen lässt. Im Grunde lässt er sich nicht einmal mit ihnen begreifen.

          Auf seiner Internetseite gibt es einen Zeitstrahl, dort kann jeder nachlesen, was Reinhold Messner in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat: Zwischen 1950 und 1964 zum Beispiel unternahm er fünfhundert Klettertouren in den Ostalpen. Er durchstieg als Erster die viereinhalbtausend Meter hohe Rupal-Flanke des Nanga Parbat und die Yerupaja-Ostwand bis zum Gipfelgrat. Er stand als Erster auf dem Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, technische Hilfsmittel erschienen ihm, als würde er die Natur betrügen. Er stand als Erster auf allen vierzehn Achttausendern. Er durchquerte die Antarktis über den Südpol, zu Fuß, 2800 Kilometer. Er durchquerte auch Grönland, der Länge nach, und wanderte durch die Wüste Gobi.

          Fremden bleibt der Berg fremd

          Hatte er ein Ziel erreicht, suchte er sich ein neues. Keinem Erfolg ist es gelungen, seinen Geist oder seinen Körper zu ermüden. Er stellt sich andauernd neu der Welt, anstatt wenigstens manchmal vor ihr zu flüchten. Nie stand sein Leben still, Reinhold Messner ist ein Getriebener. Das ist in seinem Fall kein Unglück, es entspricht einfach seiner inneren Logik.

          Er bleibt stehen. Er sagt, die Südtiroler Berge seien die schönsten der Welt.

          Er ist in sie hineingewachsen, wie es nur jemand kann, dessen Zuhause sie sind. Die Nähe zu ihnen ist keine gesuchte Nähe, sie ist eine selbstverständliche, eine ohne Fragen. Fremden bleibt der Berg fremd. Und dennoch sieht Reinhold Messner in der Natur weder Freund noch Feind. Er sagt: „Die Natur ist eine Tatsache.“ Er hadert nicht mit ihr, nur mit sich, wo eine Lawine abgehe, dürfe man eben nicht stehen. Sein Naturverständnis ist frei von Pathos, von Überhöhung. Der Berg ist für ihn nicht beseelt, er ist nicht heilig, er ist aber auch nicht tot, er zeigt ihm, dass es Dimensionen gibt, die die Möglichkeit menschlichen Erkennens übersteigen. Und in gewisser Weise entspreche die äußere Landschaft seiner inneren, die gebirgig sei, nicht sehr zivilisiert.

          „Die Antwort bin immer ich selbst“

          Reinhold Messner spricht nicht mit dem Berg, und der Berg spricht nicht zu ihm, er ruft ihn nicht einmal. Da ergeht es ihm anders, als es Luis Trenker erging. Ein Journalist machte daraus einmal eine Schlagzeile, und Trenker, der sich irgendwie selbst als Teil des Berges begriff, reagierte empört. Reinhold Messner sagt: „Der Berg ist einfach da.“

          Und im Berg geschieht etwas mit ihm. Durch die Bewegung, durch die Konzentration, ohne die das Besteigen einer senkrechten Wand oder die Überwindung schwieriger Passagen unmöglich wäre, heben sich seine Fragen an die Welt auf. Vielleicht ist das der glücklichste Zustand überhaupt, der Zustand der Fraglosigkeit. In dem es kein Zweifeln mehr gibt, kein Verzweifeln am Leben, kein Zaudern und Zögern, dafür eine nie gekannte Klarheit, ein Ganz-bei-sich-Sein. Reinhold Messner sagt: „Die Antwort bin immer ich selbst.“

          Ein Schloss wie aus einem Bilderbuch

          Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel. Ein Bauer fährt auf seinem Traktor vorbei, man grüßt einander, man kennt sich seit Jahren. Das Licht ist ein anderes, die Konturen der Landschaft zeichnen sich deutlich ab. Manche Gipfel sind noch von Schnee verhüllt. Und dann dieser Blick auf Schloss Juval, 1278 auf einem Fels erbaut, ein Schloss wie aus einem Bilderbuch. Die Anlage besteht aus einem Palas, ein paar Türmen, einer Festungsmauer und einer Ruine, über die sich ein Glasdach spannt, das aussieht, als würde es schweben. Drum herum Berge, Wiesen, Wald. Durch das Tal zieht sich die Etsch.

          Wegen seiner Lage trotzte das Schloss jahrhundertelang den Eroberungsversuchen sämtlicher Angreifer, ein einziges Mal nur wurde es eingenommen. Reinhold Messner hat es Anfang der achtziger Jahre günstig erstanden, von jemandem, der sich um dessen Wohlergehen nicht scherte. Ein paar Jahre des Verfalls noch, und Juval wäre nicht mehr zu retten gewesen.

          „Wie schön, dass ich Sie mal sehe, Herr Messner“

          Nun ist aus dem Schloss ein Museum geworden, es ist Teil des Museumsprojekts Messner Mountain Museum, das sich auf fünf Standorte verteilt. MMM Juval beherbergt eine große Tibetika-Sammlung, eine Galerie von Bergbildern und Masken aus fünf Kontinenten. Zwei Monate im Jahr lebt Reinhold Messner gemeinsam mit seiner Familie auf Juval, dann ist das Museum geschlossen, den Rest der Zeit verbringt er in Meran oder bereist die Welt, hält Vorträge, steigt auf Berge. „Hier oben“, sagt er, „hat man seine Ruhe.“

          Heute hat man sie hier oben nicht. Das Museum ist geöffnet, eine Gruppe von Rentnern ist zum Eingang unterwegs. Wir nehmen denselben Weg wie sie, es gibt keinen anderen. „Beeilen wir uns“, sagt Reinhold Messner. Die Menschen erkennen ihn schon von weitem, sie bleiben stehen, sie staunen, als würde da jemand erscheinen, den sie auf keinen Fall erwartet haben, und sagen: „Ah, der Hausherr, wie schön, dass ich Sie mal sehe, Herr Messner.“ Und: „Herr Messner, nur ein Foto bitte mit meiner Enkelin.“ Herr Messner sagt: „Aber nur, wenn ich dafür nicht stehen bleiben muss.“ Und er bleibt nicht stehen, er verlangsamt seinen Schritt, er lächelt in die Kamera, dreht sich wieder um und schiebt sich an den Menschen vorbei. Sie sind trotzdem froh.

          Er ist dem Tod schon sehr nahe gekommen

          Wir gehen Treppen hinauf, wieder Menschen, dieselben Blicke, ähnliche Worte. Reinhold Messner öffnet die schwere Tür zu seinen Privaträumen, wir setzen uns ins Turmzimmer an einen Holztisch. Es ist kühl. Vor dem Fenster breitet sich die Weite aus. Himmel, Berge. Reinhold Messner sagt: „Um die Natur zu erfahren, muss ich die Zivilisation verlassen.“ Ein Stück weit auch die eigene, was bedeutet, sich zwischen Diesseits und Jenseits zu wagen.

          Reinhold Messner ist dem Tod schon sehr nahe gekommen. 1982 zum Beispiel, da machte er sich mit zwei Freunden zum Gipfel des Kanchenjunga auf, dem dritthöchsten Berg der Welt, 8586 Meter hoch, zwischen Nepal und Indien gelegen. Schon beim Aufstieg schmerzte es ihn in der Lebergegend, aber die Schmerzen vergingen wieder.

          Im Augenblick der Grenzerfahrung bestimmt der Instinkt

          Die Nacht, bevor sie den Gipfel über senkrechtes Eis bestiegen, verbrachten sie in einem winzigen Zelt auf achttausend Metern, ebenso die Nacht danach. Und in dieser zweiten Nacht quälten ihn wieder Schmerzen, und der Wind peitschte von Tibet kommend in Orkanstärke über das Zelt bei Temperaturen um vierzig Grad minus. Die Kälte kroch ihnen in alle Glieder. Reinhold Messner halluzinierte. Er sagte, die Japaner sollten endlich aufhören, ihr Zelt mit Steinen zu bewerfen. Was er hörte, waren Eisbrocken, die der Sturm durch die Luft wirbelte. Sie saßen eng beieinander, hatten Angst, dass das Zelt reißt. Dass es wegfliegt und mit ihm ihre Ausrüstung. Das wäre ihr Todesurteil, dachten sie.

          Um fünf Uhr früh riss das Zelt. Sie konnten ihre Schuhe retten und die Steigeisen, ohne die der Abstieg unmöglich gewesen wäre. Reinhold Messner sagt: „In diesem Moment dachte ich nicht nach, ich funktionierte nur noch.“ Im Augenblick der Grenzerfahrung bestimmt eine innere Gesetzmäßigkeit das Handeln, der Instinkt leitet einen.

          Der Ehrgeiz, Wege zu finden, die nicht nachkletterbar sind

          Reinhold Messner weiß nicht mehr, wie er das Basislager erreicht hat, wie er es nach Katmandu schaffte, ein Marsch von zwei Wochen. Ein Arzt diagnostizierte einen faustgroßen Abszess in der Leber, entstanden wahrscheinlich durch verschmutztes Wasser. Reinhold Messner sagt: „Als ich die Ergebnisse der Blutuntersuchung abholte, glaubte der Arzt nicht, dass ich selbst es bin, da ich den Werten nach hätte tot sein müssen.“

          Reinhold Messner gibt Managerseminare. Er erzählt dort vom Gefühl des Wiedergeborenseins, dem stärksten Gefühl, das es beim Bergsteigen gebe. Natürlich sei da auch der Ehrgeiz, Wege zu finden, die nicht nachkletterbar sind und hinter einem wieder verschwinden, hineinzugehen in die Wildnis und sich zu fühlen wie ein Vogel, der fliegt, wie ein Fisch, der schwimmt.

          Leidenschaft hat mit Leiden zu tun

          Eigentlich aber ist es nicht die Lust am Rekord, die ihn auf unzählige Gipfel, die nicht für Menschen gemacht sind, hinaufgetrieben hat, sondern der Wunsch, dieses Gefühl noch einmal zu erleben. Den Tod gespürt zu haben heißt, plötzlich wieder am Anfang zu stehen. Wie ausgerollt liegt das Leben vor einem. Er erzählt, dass er erkannt habe, dass dieses nackte Leben das Wertvollste sei, was wir haben. Das habe nichts mit Glück zu tun, es ist viel mehr als das. Alles ist Möglichkeit.

          Manchmal ruft ein Freund aus alten Zeiten an und sagt: „Reinhold, lass uns noch mal eine ganz verrückte Sache machen, auch wenn wir dabei draufgehen.“

          Reinhold Messner spricht von Bescheidenheit und Dankbarkeit, vom Menschen als Zufallserscheinung auf der Erde, von seiner Endlichkeit, seiner Begrenztheit. Wie befriedigend es sei, im Kopf Erfundenes Wirklichkeit werden zu lassen. Dass Leidenschaft mit Leiden zu tun habe. Er sagt: „Egal, worum es geht, es gibt nur eine einzige Frage: Wo will ich hin?“

          Neben Reinhold Messner existiert kein Platz

          Er sagt lauter Dinge, die in vielen Ratgebern für ein glücklicheres Leben aneinandergereiht werden, die geschrieben irgendwie vernünftig, aber gleichzeitig hohl klingen, da sie keinen Halt haben. Der Unterschied zwischen der Ratgeberliteratur und Reinhold Messner ist, dass er keine auswendiggelernte Anleitung vorträgt. Es ist keine Pose - er ist, was er sagt. Und das ist in jeder Sekunde so spürbar, dass es etwas Unheimliches hat. Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass Messner nicht ganz genau weiß, wie er sich am besten verkauft, aber er ist sein eigener Entwurf geworden, ein geschlossenes System, das System Messner.

          Man könnte deswegen irritiert sein, doch selbst das lässt er nicht zu. Man stellt ihn sich als jemanden vor, bei dem das In-sich-zu Hause-Sein kein Ausnahmezustand, sondern ein Lebenszustand ist, jemanden, der sich erkennt, ohne sich in anderen zu spiegeln, weil er sich selbst genug ist. Neben Reinhold Messner existiert kein Platz, und es gibt auch niemanden, der ihn ausfüllen könnte. Daraus macht er kein Geheimnis. So sagt er zum Beispiel ganz offen, dass die entscheidenden Gedanken zum Bergsteigen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm stammten.

          Er muss oft sehr einsam sein

          Die Vorstellung, seine Erkenntnisse im Gespräch mit anderen zu hinterfragen, muss ihm absurd vorkommen. Vielleicht fände er in dem Polarforscher Sir Ernest Henry Shackleton ein Gegenüber, mit dem er sich messen könnte, aber Shackleton ist leider schon lange tot. Reinhold Messner muss oft sehr einsam sein.

          Gut möglich, dass nicht die vielen Rekorde das Beeindruckendste an ihm sind, sondern dieser Einklang im Kleinen und im Großen. Am Ende weiß man nicht, ob man ihn darum beneiden soll.

          Am nächsten Tag rief ich meinen Vater an und erzählte ihm von der Begegnung mit Reinhold Messner, von den Bergen, vom Schloss, vom Reden. Wir sprachen lange. Er stellte keine Fragen.

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