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Lebenswege : Im Anschluss Richtung Westen

  • -Aktualisiert am

Sabrina war vor der Wende Lokführerin, jetzt ist sie es wieder. Dazwischen versuchte sie sich über Wasser zu halten. Bild: Daniel Pilar

Sie hat ihr Leben durch alle Wenden hindurch in der Hand behalten und ließ sich nicht zum Opfer der Umstände machen. Das Beste, was die DDR in die Einheit mitgebracht, sind ihre Frauen. Ein Porträt .

          Bahnhof Fulda, Gleis 3, 21.30 Uhr, Dienstbeginn. An der menschenleeren Bahnsteigkante steht Sabrina, den Rucksack mit dem Firmenlogo auf dem Rücken. Sie kaut Kaugummi und wartet: eine rundliche Frau mit blonden, gewellten Haaren. Sie ist vierzig Jahre alt, trägt derbe Turnschuhe, eine Dreivierteljeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Total Life Forever“. Der Zug fährt ein und hält. Sabrina greift mit beiden Händen die Stangen neben der Tür und klettert über drei Sprossen flott hinauf in die Lok, als rette sie sich aus einem tiefen Schwimmbecken ins Trockene.

          Sie knallt die eiserne Tür des Führerstands hinter sich zu, in dem es nach Hitze und Metall riecht. Sie wirft den Rucksack ab und schwingt sich auf ihren Platz hinter dem riesigen Schaltpult des Taurus. Er ist der Stier unter den Lokomotiven und Sabrinas Liebling. Beim Anfahren lässt er einen ansteigenden Singsang hören, eine C-Dur-Tonleiter, erstaunlich zart für dieses dröhnende, vibrierende Ungetüm. Sabrina summt mit. „Der läuft wie Hulle“, sagt sie und thront in einem Chefsessel mit Kopfstütze und imposanter Federung, die ihren Körper schaukeln und wippen lässt. Ihre goldenen Ohrringe blitzen.

          Sabrina ist Lokführerin und muss heute einen Leerzug nach Regensburg bringen. Sie ist allein unterwegs. Zehn Tage am Stück fährt sie im Zickzack durch Deutschland. Jeden Tag eine andere Lok, jede Nacht ein anderes Hotel oder umgekehrt, je nach Dienstplan. Sie herrscht über knapp 10.000 PS und einen 641 Meter langen Zug, der langsam in den grünblauen Sommerabend hinausgleitet.

          Ohne Vater, Mutter, Großvater

          Sabrina wurde in Berlin-Weißensee geboren. Sie ist das Ergebnis eines Ausrutschers zwischen einem älteren Koch und einer siebzehnjährigen ungelernten Beiköchin. Der Koch hatte anderswo Familie und ließ sich nicht mehr blicken. Die Mutter verprügelte, schikanierte, vernachlässigte das ungewollte Kind. Der Großvater drohte mit einer Anzeige und verlangte das Sorgerecht. Von da an wuchs Sabrina bei ihren Großeltern auf. Der Opa hatte zu ihrer Geburt schon ihren Namen bestimmt und ein Gedicht verfasst. Er brachte die Enkelin zum Schwimmtraining und feuerte sie bei Wettkämpfen an. Als Sabrina neun war, schickte er sie in eine Klasse mit erweitertem Russischunterricht. Er arbeitete als Ingenieur in einer Fabrik für Autoreifen, und wenn er spät nach Hause kam, wartete Sabrina auf ihn, damit er ihr eine gute Nacht wünschen konnte. Als sie zwölf war, starb der Opa. Auf dem Heimweg von der Schule sah sie schon den Krankenwagen vor der Tür. Seither war Sabrina mit der überforderten Oma allein und fing an, sich um sich selbst zu kümmern. Das Grab des Großvaters hat sie bis heute nicht aufgesucht, zur Mutter keinen Kontakt mehr.

          Mit vierzehn kam Sabrina in ein Internat für zukünftige Russischlehrer. Von den 150 Schülern waren 140 Mädchen, zusammengeholt aus der ganzen DDR. Der Alltag in der Eliteschule war straff organisiert. Sechs Uhr wecken, drei mal die Woche Polit-Information auf Russisch, überwachte Hausaufgabenzeiten, jede Menge Pflichttermine und ein streng reglementierter Ausgang. Sabrinas Leistungen waren sehr gut, nur in Betragen hatte sie immer eine Drei. Ihre Frisur glich damals einem rot gefärbten Handfeger. Als der Internatsleiter sie anwies, sie solle sich gefälligst einen ordentlichen Haarschnitt zulegen, erschien sie am nächsten Tage mit Glatze und flog von der Schule. Das war am Ende der zehnten Klasse. Sie setzte sich in den Zug und fuhr zurück nach Berlin, und als sie dort ausstieg, stand ihr alter Kumpel Mirco auf dem Bahnhof.

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