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Längstes Konzert der Welt : Achtung, Klangwechsel!

  • -Aktualisiert am

Das längste Konzert der Welt: In der Halberstädter Burchardikirche wird seit 2001 ein Orgelstück von John Cage aufgeführt. Daran soll sich auch in den nächsten 631 Jahren nichts ändern. Rund einmal pro Jahr wird ein Ton verändert. Eine Bildreportage.

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          Da ist immer dieser Ton in der Burchardikirche in Halberstadt. Man kann ihn hören, sobald man die ehemalige Klosteranlage durch den Torbogen betritt, er wird lauter, je näher man der Kirche in ihrer Mitte kommt. Er ist immer da, mit der Zeit wird er zu einem Hintergrundrauschen. Wenn alles nach Plan geht, soll das die nächsten 631 Jahre so weitergehen.

          Dieser Ton ist Teil des längsten Konzerts der Welt, einer Aufführung des Musikstücks Organ²/ASLSP, das der geniale Musikprovokateur John Cage 1987 geschrieben und mit nur einer Anweisung versehen hat: As Slow As Possible, es muss so langsam wie möglich gespielt werden. Die Aufführung soll bis zum Jahr 2640 dauern, eine musikalische Dehnübung im Dauerbetrieb, irgendwo zwischen Guinnessbuch und philosophischem Manifest. John Cage gilt als Vordenker einer musikalischen Avantgarde, für ihn ist alles Musik, er war eine Art Joseph Beuys der Töne.

          Ein Ton pro Jahr

          Cage-Fans sind viel gewöhnt, aber dieses Konzert ist auch für sie sehr ambitioniert. In der turmlosen Burchardikirche mit dem roten Ziegeldach steht eine kleine Orgel, die pausenlos diesen Ton in die Halberstädter Umwelt entsendet, im Moment durch fünf Orgelpfeifen. Das Konzert geht schon acht Jahre lang, rund um die Uhr, man kann die Kirche während der Öffnungszeiten besuchen. Weil die Notation des Stücks mit einer Pause beginnt, kamen die ersten Töne erst 2003 dazu, seitdem tönt es in Halberstadt. Rund einmal pro Jahr wird ein Ton verändert. Heute ist es wieder so weit.

          Maren Taubert ist für den heutigen Klangwechsel aus Hamburg angereist, zusammen mit ihrem Mann Hans. Die beiden Mediziner im Ruhestand sind über siebzig, sehen jedoch so vital aus wie Rentner in Werbeanzeigen. Maren Taubert wurde in Halberstadt geboren, hat aber den Großteil ihres Lebens im Westen verbracht. Das Konzert ist für sie der einzige Grund, gelegentlich nach Halberstadt zurückzukommen. Das Projekt sei geistreich und optimistisch, findet Maren Taubert: „Ich weiß nicht, ob künftige Generationen es weiterführen wollen. Aber um ihnen überhaupt die Möglichkeit zu geben, müssen wir ja mal anfangen.“ Hans Taubert sagt: „Für uns Menschen ist dieses Stück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären.“ Es mache einem bewusst, dass manche Dinge größer sind als man selbst.

          Der Rest ist Stille

          Ein kleiner Teil dieses großen Musikstücks gehört den Tauberts, sie haben ein Klangjahr gekauft, ein Wort, das nur für dieses Konzert erfunden wurde. Sie haben tausend Euro bezahlt und dafür Patenschaft für das Jahr 2636 übernommen, es ist der siebenhundertste Geburtstag von Maren Taubert, „wir planen schon eine große Party“, sagt Hans Taubert und lacht. Die nur für dieses Konzert gegründete John-Cage-Orgel-Stiftung hat das Gebäude als Spielstätte von der Stadt geschenkt bekommen. Einzige Bedingung: Es dürfen durch das Konzert keine weiteren Kosten für die Allgemeinheit entstehen. Das Geld für die Renovierung der Kirche und für den Bau der Orgel stammt hauptsächlich von Klangjahrkäufern wie den Tauberts. Zum Dank dürfen sie sich auf einer Metallplatte in der Kirche verewigen.

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