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Im Straflager : Der kleine Oligarch

Unmittelbar nach seiner Festnahme gab Koslow seiner Frau telefonisch erste Anweisungen. Ein hoher Funktionär hatte ihm zugesichert, im Fall eines Prozesses gegen ihn auf die Staatsanwaltschaft einzuwirken - für anderthalb Millionen Dollar. Er gab Olga zu verstehen, wo der Umschlag lag, wo er alles aufgeschrieben hatte. Den Betrag hatte er flüssig gemacht, das Haus dafür versetzt. Freunde hätten damals auf sie eingeredet, auf gar keinen Fall das Geld zu übergeben, sagt sie. Sie müsse ja ihren Mann im Gefängnis unterstützen und selbst von etwas leben. Sie wisse, dass sie übers Ohr gehauen werde, habe sie geantwortet. Aber wenn sie Alexejs Bitte nicht erfülle, würde sie den Gedanken nie loswerden, dass er ihretwegen nicht freikommt.

Bloß nicht den Ehemann freikaufen

Sie traf dann mehrmals mit dem mächtigen Amtsträger zusammen. Der Preis verdoppelte sich schnell. Jetzt kostete nur die Freilassung anderthalb Millionen und die Einstellung des Verfahrens noch einmal so viel. Olga lieh Geld von Freunden, Kollegen, Kollegen ihres Mannes, dem Wachdienst und seinem Fahrer. Doch plötzlich war der hohe Beamte nicht mehr für seinen früheren Posten zuständig und verschwand. Heute rate sie allen in ihrer Lage dringend von jedem Versuch ab, den Ehepartner freizukaufen, sagt Olga. Es sei absolut aussichtslos. Zugleich sehe sie bei all diesen Häftlingsfrauen die gleichen Kuhaugen, die sie selbst gehabt habe, und aus denen, so scheint es ihr, ein heidnischer Aberglauben spricht. Die verzweifelten Weiber hoffen, den „Ihrigen“ zu retten, indem sie ein großes Opfer bringen, hat sie beobachtet. Das werde ausgenutzt.

Anders als die Freiheit steht die Gesundheit des Gefangenen zum Bestechungsaufwand jedoch in direktem Verhältnis. Olga Romanowa kaufte Heizkörper und Computer für das Gefängnis, woraufhin Alexej in eine gute Zelle kam. Sie bestellte ihm Zeitungsabonnements, besorgte Kleidung, Mittel gegen Flöhe, Nagelfeilen, Fischlebertran, sie gab den Aufsehern Geld, damit sie die Sachen weiterleiteten. Im Fall des Rechtsanwalts Sergej Magnizki, der zur gleichen Zeit im Butyrka-Untersuchungsgefängnis zu Tode gequält wurde, als auch ihr Mann dort einsaß, beeindruckte sie besonders, dass er und seine Mithäftlinge keine Klobürste und keine Nagelfeile besitzen durften.

Schmiergeld für heißes Wasser

Die gleichen Fahnder, Richter, Ärzte, die Magnizki töteten, vor allem durch Wasserentzug, bearbeiteten auch den Fall Alexej Koslow, weiß sie. Sie habe wahrscheinlich mit Magnizkis Mutter Natalja, die sie damals noch nicht kannte, gemeinsam in der Schlange vor dem Gefängnis gestanden, glaubt Olga. Natalja Magnizkaja lieferte Kleidung und Medikamente für ihren Sohn ab, die nie bei ihm ankamen. Natalja war leider zu anständig für die Gefängniswelt, sagt Olga. Sie selbst zahlte unterdessen Schmiergeld für heißes Wasser und organisierte sich einen Chorsängerausweis für die Gefängniskirche, um sich dort mit Alexej zu treffen.

Wenn Olga Romanowa an die Dekabristinnen denkt, begeistert sie sich vor allem für deren Männer. Das seien doch die Besten gewesen, die damals eine Verfassung einforderten. Und dafür wurden sie von den Schlechtesten eingesperrt oder gehenkt. Jede Frau spüre, was sie an einem Fürsten Trubezkoi oder Wolkonski hat, sagt sie glutvoll. Natürlich würde ich so einem Mann nach Sibirien folgen statt bei Fürst Pupkin in der Hauptstadt zu bleiben, sagt sie. Alles andere wäre, als sage man sich von Michail Chodorkowski los, um Putin zu heiraten.

Ordentliche Leute - auf beiden Seiten des Stacheldrahts

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