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Historischer Schrott : Ich war der Palast der Republik

  • -Aktualisiert am

Bild: Andreas Pein, Marcus Jauer, ddp

Am Ende blieb vom Wahrzeichen der DDR nur Schrott. Aber auch aus den Trägern des Sozialismus kann noch einmal etwas Neues werden. Die Geschichte einer Wiederverwertung - vom Schrottplatz an der Elbe in den Motorblock des neuen VW in „united grey“.

          Ein Auto also. Ein ganz normales Auto. Es steht vor einem Einfamilienhaus in Norddeutschland und glänzt in der Sonne. Der Vater hat es eben aus dem Werk geholt. Auf dem Tacho kaum mehr als die fünfzig Kilometer, die er bis nach Hause brauchte. Er hat auch die Farbe ausgesucht. Nicht schon wieder silbern, sagte die Mutter. Da nahm er grau. Er will nicht so oft waschen. Nun steht die Familie steht um das Auto herum, das neu riecht, aber nicht anders aussieht als jedes andere auch. Andererseits, was hatte ich erwartet?

          Ein Jahr zuvor. Mitte März. In Berlin schneit es. Vor dem Palast der Republik liegen Stahlträger, übereinander geworfen als Riesenmikado, rostbraun auf gelbem Sand. Dahinter stehen die Reste der Ruine. Von der verschachtelte Konstruktion aus fünfundzwanzig tausend Tonnen Stahl ragen nur die Seitenwände noch auf, darüber liegen die mächtigen Träger, auf denen das Dach ruhte. Keine Fassade, keine Geschosse, keine Mitte mehr.

          Aus den Trägern des Sozialismus wird etwas Neues

          In der Stadt ist ein großes Tor entstanden, durch das sie nun wie auf sich selber blickt. Seit zwei Jahren läuft der Abriss, er geht fast unbemerkt voran. Es gibt keine Sprengungen, keine Lastwagenkolonnen. Der Palast verschwindet leise. Über das Wasser.

          Im Dezember 2008 war der Abriss des Palasts beinahe abgeschlossen

          Am Spreeufer dahinter hat ein Schubboot festgemacht. Zwei Kähne liegen am Kai, beladen mit Stahlträgern, die, obwohl von Schneidbrennern zerteilt, immer noch baumlang sind. Es ist die letzte Fracht, bevor das Frühjahr beginnt und der Fluss bis zum Herbst wieder den Ausflugsschiffen für die Touristen gehört. Mit schweren Trossen bindet der Bootsmann dem Schubboot die Kähne vor den Bauch. Dann legt der Verband ab.

          Er fährt zur Stadt hinaus, vorbei an Museumsinsel, Bundestag und Kanzleramt. Hinter der ersten Brücke ist der Palast schon nicht mehr zu sehen. Die Leute am Ufer fotografieren. Aber da ist nichts weiter als ein Lastkahn voller Schrott. Nur wenige Meter und aus den Trägern des Sozialismus ist wieder Material geworden. Was dem Haus als Ganzes nicht gelang, das können seine Einzelteile. Etwas Neues werden.

          Vierhundert Euro für die Tonne Schrott

          Roßlau, an der Elbe. Der Industriehafen liegt im Hinterland der Stadt. Eine Ansammlung von Lagerhallen, Bauschutt und Bahnschienen, die ins Nichts führen. Drei Tage ist das Schiff hierher gefahren. Nun lädt ein Kran die Träger aus und legt sie vor der Mauer ab, hinter der sich Schrott Wetzel verschanzt hat.

          Der Händler sitzt in seinem Büro wie auf einer Brücke und überblickt den Platz, den er in eine kleine Festung verwandeln ließ. Mauer, Wachschutz, Kameras, Bewegungsmelder. „Wie damals in Ostberlin“, sagt er.

          Die Tonne Schrott liegt zurzeit bei etwa vierhundert Euro. Der Preis ist immer weiter gestiegen. Die Chinesen, die Inder, die Araber, die ganze Welt braucht neuen Stahl und schmelzt alten dafür ein. Da wird natürlich viel geklaut. Die Leute kommen nachts, Lastwagen mit Hubarm, sie greifen über die Mauer, und weg sind sie.

          Man hätte das Ding stehen lassen können

          Nach der Wende holte sich der Händler den Schrott aus den Fabriken der Gegend, die reihenweise dichtgemacht und abgebrochen wurden. Inzwischen gibt es kaum mehr Werke hier, und er fährt für ein paar Bahnschienen bis fast nach Polen. Nur der Betrieb, in dem er gelernt hat, hält sich noch, müsste aber bald pleite sein. „Da wäre noch allerhand zu erwarten“, sagt der Händler.

          An der Wand seines Büro hängt ein Zettel, in kyrillischen Buchstaben ein deutscher Satz: „Wenn Du das lesen kannst, bist Du kein dummer Wessi“.

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