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Guido Westerwelle : Seine größte Rolle

  • -Aktualisiert am

Guido Westerwelle, 1984 Bild: Foto Barbara Klemm

Guido Westerwelle hat das Land bei seinem politischen Aufwachsen zusehen lassen, als halte er sich für den Star in einer Fernsehserie. Sollte in diesem Frühjahr die letzte Folge laufen, wird er uns fehlen.

          8 Min.

          Der Film „The Truman Show“ handelt von dem Versicherungsagenten Truman Burbank und seinem Leben in einer Kleinstadt namens Seahaven. Er hat ein schönes Haus, eine schöne Frau, einen besten Freund, und wenn er sich morgens auf den Weg ins Büro macht, dann winken die Nachbarn ihm zu. Manchmal denkt er, dass er gern auf die Fidschi-Inseln reisen würde, dabei hat er die Stadt noch nie verlassen, und das kann er auch nicht. Sie ist ein riesiges Fernsehstudio.

          Truman Burbank spielt die Hauptrolle in einer Fernsehserie, die dazu erfunden wurde, das Leben eines Menschen zu dokumentieren. Dieser Mensch ist er und zwar seit seiner Geburt. Alles, was ihn umgibt, die Stadt, das Haus, die Leute und die Kinderfotos in seinem Album, wurde dazu aufgeboten, ihm den Anschein einer wahren Welt zu geben. Doch der einzige, der darin echt ist, keine Kulisse, kein Schauspieler, sondern der „true man“, ist er, und alle wissen das. Nur er weiß es nicht.

          Der Film ist schon ein paar Jahre alt, aber er vor einiger Zeit kam er einem wieder in den Sinn.

          Und wieder ein Auftritt vor Fremden

          Es ist ein Abend in Halle an der Saale. In einem Bau, der sich Kongress- und Kulturzentrum nennt, feiert die FDP ihren Ehrenvorsitzenden Hans-Dietrich Genscher, der aus Halle kommt und hier vor fünfundsechzig Jahren in die Partei eingetreten ist. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und wenn es sich bei den dreihundert Leuten nicht um alte Schulfreunde von Genscher handelt sondern um Mitglieder, können sie nur kurz nach ihm eingetreten sein. Es ist ein Heer kahler oder grauer Köpfe, das Genscher durchschreitet. Hinter ihm läuft Cornelia Pieper. Dahinter Guido Westerwelle.

          Als er später auf die Bühne kommt, schaut er wie jemand, der im Saal eines ostdeutschen Kulturhauses vor Leuten sprechen muss, die alle älter sind als er und anders aufgewachsen und die nicht wegen ihm sondern wegen eines anderen gekommen waren. Das Bild muss ihm fremd vorkommen, aber die Situation vertraut. Es ist wieder nur eine Umgebung, die nichts mit ihm zu tun hat, aber er scheint entschlossen zu sein, sich das nicht anmerken zu lassen.

          Es ist erst ein paar Wochen her, da hatte es noch so ausgesehen, als stehe Guido Westerwelle vor dem Ende seiner politischen Karriere. Nach dem überwältigenden Erfolg bei der letzten Bundestagswahl, bei der für die FDP mehr Abgeordnete einzogen waren als je zuvor, brachen die Umfragewerte ein. Die Presse wurde hämisch, die Partei unruhig. Sieben Landtagswahlen standen in diesem Jahr an, und bei allen zitterte sie darum, in die Parlamente zu kommen. Die Kritik machte sich ausschließlich an Guido Westerwelle fest, sie erreichte aber nicht die Stärke, ihn als Vorsitzenden abzulösen. Auf dem Dreikönigstreffen rettete er sich knapp. Danach war die Kritik verebbt, die Umfragewerte wurden nicht besser, und die Wahlen standen immer noch an.

          Was wird aus „The Guido-Show“?

          Als Guido Westerwelle in Halle auf die Bühne kommt, hat man das Gefühl, als befinde er sich nun gerade in jener Stille, die es in jeder Geschichte gibt, bevor sie ihre entscheidende Wendung nimmt. Man erinnert sich daran, was in den vergangenen Jahren über ihn geschrieben und gesendet, wie er fotografiert und gefilmt worden ist, und dann fällt einem Truman Burbank ein, der sein Leben im Fernsehen verbringt. Auf einmal kommt einem Guido Westerwelle wie der Held einer Serie vor, die das ganze Land seit Jahren verfolgt und die von seinem Aufwachsen in der deutschen Politik handelt – „The Guido Show“.

          Kann das denn sein?

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