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Gerichtsprotokoll vom Brunner-Prozess : Solln und Haben

  • -Aktualisiert am

Im Saal A 101 des Münchner Landgerichts wurde schon gegen die Mörder von Walter, den Entführer von Richard Oetker und den Steuerhinterzieher Boris Becker verhandelt. Nun tagte hier das Jugendgericht Bild: Torsten Huber

Anfang September wird das Urteil im Fall Dominik Brunner gefällt. Der Prozess hat aus einem Helden wieder einen Menschen gemacht. Das mussten die Gerichtsreporter der Öffentlichkeit erst einmal erklären.

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          Der Saal A 101 des Landgerichts München ist ein großer, sprengstoffsicherer Raum, der keine Fenster hat, damit niemand von der Straße aus hineinschießen kann. Die Wände sind kahl bis auf das Kruzifix, das über der Tür hängt, die in die Freiheit führt. Die Plätze für Richter, Angeklagte und Staatsanwalt bilden einen Kreis, in dessen Mitte der Stuhl für die Zeugen steht. Dahinter liegt der Zuschauerraum, der größer ist als in anderen Sälen des Gebäudes. In diesem Saal ist gegen die Mörder von Walter Sedlmayr verhandelt worden, gegen den Entführer von Richard Oetker und den Steuerhinterzieher Boris Becker. Seit sechs Wochen verhandelt die Jugendkammer des Landgerichtes nun gegen die zwei Jugendlichen, die Dominik Brunner getötet haben sollen.

          * * *

          Oliver Grothmann, Gerichtsreporter der „Bild“-Zeitung, München:

          „Das war eine krasse Geschichte für München. Ein erfolgreicher Geschäftsmann war von zwei Jungs, die nichts auf die Reihe gekriegt hatten, die gedealt hatten und vorbestraft waren, einfach umgebracht worden - am helllichten Tage, nur weil er anderen helfen wollte. Unsere Zeitung hat sich früh dafür eingesetzt, dass Dominik Brunner postum das Bundesverdienstkreuz bekommt, wir haben die Zuschriften fotografiert, die beim Bundespräsidenten ankamen, säckeweise, und nach jedem Bericht gab es Leserkommentare, was mit den Jungs passieren soll, vor allem im Internet. Einige davon waren so hart, dass man sie wieder herausnehmen musste. Als ich die Angeklagten dann im Gericht zum ersten Mal sah, waren das schmale, kleine Jungs. Ich hatte die mir anders vorgestellt, aber sie trugen ja auch immer lange Hemden, damit man die Tätowierungen nicht sieht. Von den Zeugen, die ausgesagt haben, hat mich eigentlich keiner besonders beeindruckt. Die einen haben die Sache so, die anderen so erzählt - das hat man in vielen Prozessen. Woran ich mich gut erinnere, waren die letzten Worte, die es von Dominik Brunner gibt, als er während des Kampfes aus Versehen auf sein Handy gedrückt hat. Wir hatten das zwar vorher schon als Abschrift gedruckt, es ist aber noch etwas anderes, wenn man die Stimme des Helden hört, der um sein Leben kämpft. Da war es ganz still im Gericht, und einige Zuschauer sind raus, weil sie weinen mussten. Als es dann hieß, dass Brunner einen der Jugendlichen zuerst geschlagen hat und die danach auf ihn los sind und dass die Geschichte jetzt neu geschrieben werden muss, hat mich das sehr geärgert. Für mich muss nichts neu geschrieben werden. Das mit dem ersten Schlag war bekannt, das haben wir gewusst, aber das hatte für uns keine Relevanz - für uns war das immer Verteidigung. Eine Kollegin aus der Zeitung hat dann einen Kommentar darüber geschrieben, dass einige Medien Brunner die Ehre nehmen wollen: Das hat mir aufgrund seiner klaren Worte aus der Seele gesprochen. Es geht mir in diesen Prozessen ohnehin viel zu viel um die Täter. Da wird gefragt: Wie ist der so geworden, wie war bei dem die Jugend? Andere hatten auch eine schwere Jugend und treten niemanden tot. Nein, es gab in diesem Prozess nur zwei Menschen, die einem wirklich leid tun müssen - das sind das Opfer Dominik Brunner und sein Vater.“

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