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Gerichtsprotokoll vom Brunner-Prozess : Solln und Haben

  • -Aktualisiert am

Am 12. September 2009 geht bei der Münchner Polizei um 16.05 Uhr ein Notruf ein. Mit ruhiger Stimme nennt ein Mann seinen Namen, gibt an, in welcher S-Bahn er unterwegs ist, und meldet zwei Jugendliche, die versuchen, zwei andere Jugendliche auszurauben. Der Polizist fragt, wie er darauf komme; er antwortet, das hätten sie selbst gesagt. Er kündigt an, mit den bedrohten Jugendlichen an der Station Solln auszusteigen und auf die Polizei zu warten. Als diese zwölf Minuten später dort eintrifft, liegt er bewusstlos am Boden.

* * *

Torsten Huber, Gerichtsreporter der „Abendzeitung“, München:

„Als ich die zwei Jugendlichen im Gericht zum ersten Mal sah, war ich schon erstaunt, muss ich sagen. Sie waren viel kleiner, als ich erwartet hatte, sie wirkten fast kindlich, und Dominik Brunner war ja ein durchtrainierter Mann, eins dreiundachtzig groß und vierundachtzig Kilo schwer. Ich hab das gar nicht übereinandergebracht, wie das passieren konnte, dass die den hatten tottreten können, und für mich ist das auch jetzt noch nicht klar. Ich erinnere mich noch gut an diese eine Zeugin, eine Verwaltungsbeamtin, Mitte fünfzig, die hatte die Jungs schon an der Donnersbergerbrücke gesehen, wie sie vier Kinder ,abziehen', also ausrauben wollten. Sie ist da hingegangen und hat gesagt, sie sollten damit aufhören, und noch gescherzt, dass sie doch nicht aussehen, als müssten sie betteln, und dass erwachsen werden offenbar schon schwer sei. Sie hat die Situation nur mit Worten geklärt, und als sie später mit den Kindern und den Jungs in dieselbe S-Bahn stieg, hielt sie die Lage für entspannt, wie sie sagte. Deshalb war sie ja so überrascht, als Dominik Brunner, der in der S-Bahn saß, die Polizei rief. Sie hielt das für eine Überreaktion. In Solln hat sie dann gesehen, wie er mit den Kindern ausstieg, seine Jacke und seine Tasche ablegte, in Kampfstellung ging und dann einen der beiden Jungen mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Natürlich haben sie ihn beleidigt, das konnte man auf dem Handymitschnitt hören, Hurensohn, Bastard, solche Sachen. Trotzdem verstehe ich nicht, wie sich ein gestandener Mann von zwei ungebildeten Jungs so aus der Reserve locken lassen kann. Einen erwisch ich noch, einen nehm ich noch mit, hört man ihn dann sagen, aber seine Stimme klingt so hysterisch, dass man darin den Erwachsenen gar nicht mehr erkennt. Es war ja bekannt, dass der Dominik Brunner ein Schlichter war, jemand, der gern mal die Polizei gerufen hat. Es war ja auch schon vor dem Prozess bekannt, dass er den ersten Schlag gesetzt hat und dass er nicht an den Tritten und Schlägen gestorben ist, wie es die Staatsanwaltschaft der Presse verkaufen wollte, sondern an einem Herzanfall infolge der Schläge. Es war einfach tragisch für diese Jungs, die man noch hätte formen können und bei denen das Jugendamt geschlafen hatte, dass sie dann auf den Dominik Brunner treffen. Aber das hat damals kein Mensch hören wollen. Die ganze Stadt war ja auf der Seite des S-Bahn-Helden.“

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