„Forum DDR-Grenze“ : Genosse Weichmolch und wie er die Welt sieht
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Zum Treffen hat Meller einen Freund aus dem Forum mitgebracht: Detlef Menke, einen kleinen Mann mit weißgrauen Haaren. Menke, der jetzt im Sicherheitsgewerbe arbeitet, war früher bei den Grenztruppen, sein Userbild zeigt seinen alten Abschnitt im Harz. Zweieinhalb Jahre hat er „an der Linie“ gearbeitet, als Gruppenführer und später als Grenzaufklärer. „Das bedeutet: fotografieren, was die Grenzer gegenüber an neuer Technik haben, die Grenze sichern, Grenzsteine kontrollieren. Auch Leute jagen. Ich hab mehrfach welche eingesammelt. Geschossen habe ich nicht.“ Im Forum hat er Grenzflüchtlinge kennengelernt, sich ihre Motive durchgelesen und erfahren, warum sie die DDR verlassen wollten. „Für uns waren das damals Verbrecher“, sagt Menke, „was aber nicht der Fall ist.“
Sie heißen Stabsfähnrich und Nostalgiker
Viele ehemalige Genossen haben mit dem Thema abgeschlossen, Menke möchte sich damit auseinandersetzen. Unter den gleichen Voraussetzungen, sagt er, würde er alles wieder genauso machen. Als Ewiggestriger sieht er sich nicht. „Das ist nur Rückerinnerung. Wie wenn man ein Album aufklappt. Das klappt irgendwann wieder zu, und dann war es das.“
Die Nutzer im Forum kommen zu siebzig Prozent aus den neuen und zu dreißig Prozent aus den alten Bundesländern. Bei den Treffen sitzen alle meistens ganz friedlich nebeneinander: ein Flüchtling neben einem Informellen Mitarbeiter, der neben einem Bundesgrenzschutzbeamten und der neben einem Volkspolizisten. Angelo D’Alterio hebt es als Errungenschaft hervor, dass jeder in seinem Forum schreiben darf. Die anonymen DrohMails, die er deswegen bekommt, hält er aus. Wenn sich Forumsteilnehmer beleidigen oder wieder einer die DDR mit der NS-Zeit vergleicht, dann mahnt er ab, verwarnt oder löscht Beiträge. Manche User hat er auch schon gesperrt. Vielleicht ist einer wie er der ideale Mediator, weil er selbst mit der Grenze wenig zu tun hatte. D’Alterio wohnt im hessischen Wetterau-kreis, als Jugendlicher hat er an der Grenze einmal Bananen über die Sperranlagen geworfen, das fanden er und seine Freunde damals lustig. Erst mit Mitte dreißig begann er, sich für die Grenze zu interessieren. Im Internet fand er ein Forum für die NVA, eines für Grenzer, eines für Reservisten. Eine Plattform allerdings, auf der sich alle Seiten miteinander austauschen, fand er nicht. Mit seinem Forum löste er eine Kettenreaktion aus, User nach User meldete sich an. Sie heißen Stabsfähnrich und Nostalgiker, Altgrenzer und Zeitzeuge 1969, schreiben über Militärabzeichen und die Lagerung von Munition, über Filme und Artikel, über den Schießbefehl. Mit den Postings könnte man Hunderte von Büchern füllen. D’Alterio weiß, dass sein Forum kein Geschichtsbuch ist, aber von „Geschichtsaufarbeitung“ könne man ja sprechen. Manches klingt allerdings auch nach Männerstammtisch.
Dass Geschichte aus Geschichten besteht, hat einen, der sich „ABV“ (Abschnittsbevollmächtigter) nennt, dazu animiert, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Anfang des Jahres hat er das Thema „Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist“ begonnen, vielleicht gibt es irgendwann ein Buch. Das Userbild von ABV zeigt einen Hobbyraum, in der Ecke steht eine Schaufensterpuppe in Uniform. Der Hobbyraum liegt unter dem Dach eines Hauses in Küstrin-Kietz im Oderbruch. ABV ist der frühere Volkspolizist Uwe Bräuning.