https://www.faz.net/-gqz-12soh

Eine Wahlbeobachtung : Bilderbuchdemokratie

  • -Aktualisiert am

Diese Frau steht hinter ihm: Mussawi ist aussichtsreichster Herausforderer des derzeitigen Präsidenten Ahmadineschad Bild: Reuters

Wahlkampf darf im Iran dem Gesetz nach nur in der Woche vor der Abstimmung gemacht werden. Die Auseinandersetzung wurde über Fernsehen, Internet, Mobiltelefone und auf den Straßen ausgetragen. Sie hat das Land verändert, bevor ihr Ergebnis feststeht.

          9 Min.

          Wahlkampf darf im Iran dem Gesetz nach nur in der Woche vor der Abstimmung gemacht werden. Die Auseinandersetzung wurde über Fernsehen, Internet, Mobiltelefone und auf den Straßen ausgetragen. Sie hat das Land verändert, bevor ihr Ergebnis feststeht. Eine Wahlbeobachtung.

          Montag, 8. Juni 2009. Auf dem ersten großformatigen Wahlplakat, das auf dem Weg vom Teheraner Flughafen in die Innenstadt, über der Stadtautobahn hängt, sind dem Präsidenten die Augen ausgestochen. „Ich bin froh, wenn er endlich weg ist“, sagt Taxifahrer Ali und steuert den Soren hinein ins urbane Chaos.

          Großer Ansturm auf die Wahlurnen

          Fünf Tage vor der Präsidentschaftswahl ist die Luft in der iranischen Hauptstadt diesig, versmokt, und wenn man das Auto-Fenster offen lässt, dringt der Geruch von Benzin und Ruß in die Nase. Busse dröhnen vorbei, LKW ächzen und dazwischen kurven mit Autoreifen, Eisenrohren und Fensterscheiben beladene Motorräder durch die kaum vorhandenen Lücken. Auf drei Spuren fahren sechs Autos nebeneinander, und wo es vier sind, sind es acht. Der Himmel ist deckweißgrau und am Horizont heben sich die Linien der Berge ab. An ihren Flanken, dort wo Teheran von Norden nach Süden um siebenhundert Meter abfällt, schimmern die Gebäude der reichen Oberschicht, bernsteinfarben im Dunst. Es ist dreißig Grad heiß.

          In jedem zweiten der einheitlich aussehende Kleinwagen von Soren, Saipa und Kia, klebt entweder das Gesicht von Präsident Mahmud Ahmadineschad oder seines Herausforderers Mussawi an der Heckscheibe. Während Mussawis Wahlkampffarbe grün ist, hat sich der Präsident staatstragend für grün-weiß-rot, die Farben der iranischen Flagge, entschieden. Richtung Stadtzentrum erlahmt der Verkehr, und man sieht, dass sich viele jungen Iraner mit grünen Armbändern öffentlich zu Mussawi bekennen. Vor allem auch viele junge Frauen, die mit Kopftuch im Haar, Headset im Ohr und oftmals Pflaster auf der frisch schönheitsoperierten Nase durch die Straßen Teherans fahren. Am Straßenrand verkauft ein Mann Wassermelonen. Das ist der erste Eindruck von Teheran.

          Den ersten Eindruck von Iran vermittelte Stunden zuvor der Sitznachbar im Flieger, ein kleiner Mann mit wachsamen Augen, ein Iraner namens Farahd, der seit vierundzwanzig Jahren in München lebt, dort als Koch arbeitet, Frau und Kinder hat, und nichts mehr von seiner Heimat in der iranischen Stadt Shiraz wissen wollte. „Ich muss nach Hause“, sagte er, „weil letzte Woche mein Bruder ermordet wurde.“ Sein Bruder habe von einer Tante sechzigtausend Euro geerbt. Daraufhin hätten drei seiner Bekannten das Geld haben wollen. Sie hätten seinen Bruder zuerst drei Tage gefoltert, dann mit Messerstichen zu töten versucht und schließlich aus dem fünften Stock eines Wohnblocks in Shiraz geworfen. Farahd schwieg unbehaglich und stellte dann die Frage selber: „Was ist das nur für ein Land?“

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.