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Eine Sommerreise : Deutschland 2010

  • -Aktualisiert am

Bild: Nils Minkmar

Historisch-kulturelle Verwirrung, Maßstabslosigkeit als Maßstab oder die polymorphe Sehnsucht nach sich ausschließenden Kulturen, die nur die Abkehr von unserer Gegenwart eint: eine Inspektionsreise quer durch den deutschen Sommer.

          8 Min.

          Schlimmer kann ein Hotel nicht liegen: Wenn sich Stuttgart am Feierabend leert und die Schaffer in ihre Häusle zurückwollen, dann benutzen sie diese mehrspurige Ausfallstraße, um auf die Höhen zu kommen. Und in der ersten, tiefen Kurve dieser Höllenstraße lag also mein Hotel. Das Haus hatte Butzenscheiben, Fachwerk, und über der Eingangstür baumelte ein schmiedeeisernes Wappen. Es sollte den Besucher an irgendeine alte Zeit erinnern, an ein gemütliches Früher, als es noch keine Autos gab. Doch die Phantasie ist schwächer als die Motoren. Trotz der Mehrfachverglasung war es, als zelte man an der Autobahn. Außer, wenn die Tram fuhr, dann war es, als zelte man an einer Tramlinie.

          Beinahe hätte ich mit dem Hotel auch einen bunten Fisch betreten. Er schwamm mit zwei Kollegen in einer Plastiktüte, die auf dem Teppich vor der Rezeption lag. Der Wirt handelte mit japanischen Koi. Der ganze Hinterhof war den Zierkarpfen gewidmet. Sie bewohnten ein Riesenaquarium, das in einer liebevoll gestalteten Felsenszenerie eingelassen war, wie in den frühen James-Bond-Filmen. Eine künstliche Welt, in der es das im Überfluss gab, was man in diesem Haus immer entbehrt: Stille.

          Deutschland ist ganz okay

          Diese historisch-kulturelle Verwirrung, die polymorphe Sehnsucht nach sich ausschließenden Kulturen, die nur die Abkehr von unserer Gegenwart eint, nach dem Koi im Zinnkrug, ist typisch für Deutschland 2010, wie ein Reisender es sieht.

          Guido Westerwelle hatte in seiner ersten Pressekonferenz als Außenminister nicht Englisch sprechen wollen, auch, um nicht als Witz auf Youtube zu enden. Er hatte schließlich trotzig, aber auch ein wenig stolz erklärt: „Es ist Deutschland hier!“ So wie man sagt, es ist jetzt mal gut oder wirklich spät. Seitdem war wenig von Deutschland die Rede gewesen, und die Frage war, in welcher Verfassung es sich so befindet. Schlecht geht es dem Land nicht. Aber es fehlt auch etwas. Die Begeisterung vielleicht. Deutschland ist praktisch. Es sei „ganz okay“ hört man, wenn man fragt.

          Aber es war auch das Jahr dreier politischer Rücktritte aus persönlichen Motiven. Auch die Bürger möchten einmal „etwas ganz anderes machen“, suchen und basteln mit allem, was die kulturelle Semiotik der Menschheitsgeschichte so hergibt. Also gehen sie zur Karaokenacht in den Irish Pub. Also zeigt das Schaufenster eines Kifferladens in der properen Stuttgarter Innenstadt eine vollständige Pflanzenzuchtanlage in Kleiderschrankformat, oben Wärmelampe, unten Hydrokultur, da wird der Hobbygärtner zum Eigendealer, und umgekehrt. Also tragen sie auf der Haut der Schulter einen antiken Pegasus, an der Ferse einen chinesischen Drachen, dazwischen Tribals pazifischer Ureinwohner.

          Saarlands brennender Berg

          Im Saarland ist eine der ältesten Sehenswürdigkeiten der „brennende Berg“. Er war schon berühmt, bevor das Gebiet im Zuge der Industrialisierung überhaupt zum Saarland wurde. Es handelt sich um einen Sandsteinfelsen, in dem ein Kohlenflöz ausläuft, das im 18. Jahrhundert in Brand geraten ist, die Ursache ist nicht genau geklärt. Goethe besuchte den brennenden Berg im Juni des Jahres 1770. In „Dichtung und Wahrheit“ deutet er das Naturschauspiel als Versprechen auf kommende ökonomische und technische Umwälzungen, die auf der Nutzung solcher fossiler Brennstoffe gründen. Im zweiten Teil des „Fausts“ hat er solche Anstrengungen der Naturbeherrschung und ihre fatalen Folgen beschrieben, aber es kam noch viel dicker. Ein Jahrhundert später war das Saarland Ausgangspunkt und Gegenstand des ersten von drei großen Kriegen. Auch danach war die Saar Wilder Westen und Silicon Valley in einem. Lange her.

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