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Dossier: Christenverfolgung : Der Exodus

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Die Gehaltsschecks kommen bis heute aus Kurdistan

Emad Hana Al-Bazi zum Beispiel lebte in Bagdad. Er war Regierungsangestellter, selbst jetzt, wo sein Leben völlig anders ist, trägt er Krawatte. Sein Bruder überlebte den Anschlag in der „Maria-Erlöserin“-Kirche. Man amputierte ihm ein Bein. Emad Hana Al-Bazi verkaufte von heute auf morgen sein Haus. „Einen Teil musste ich den Terroristen geben. Sie nennen das ,Christensteuer'“. Emad Hana Al-Bazi zeigt ein Foto seines Neffen aus Mossul. Seit drei Jahren fehlt von ihm jede Spur. In Bagdad hatte er um die Hand einer jungen Frau angehalten. Er kam nie wieder in Mossul an.

Nadia und Abrod Noel haben ihren Sohn Haithan im Sarg mit in die Ninive-Ebene gebracht. Sie stammen aus Tikrit, als Ingenieur kontrollierte Abrod Noel die Ölpumpen Saddam Husseins, jetzt ist er arbeitslos. Ihr Wohnzimmer ist spärlich möbiliert, an der Wand hängt ein Kreuz. Nadia Noel hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Sie weint. Auf dem Sofa hat sie die Habseligkeiten des Sohnes ausgebreitet: Der Füller mit eingraviertem Namen, die Sonnenbrille. Eine Sammlung bunter Aufkleber aus Kindertagen. Das Halstuch ist blutbefleckt. Der Kugelhagel traf ihn, als er mit dem Motorrad nach Hause fuhr. Der Fünfundzwanzigjährige war Arzt. Auf dem Zettel, der an seiner Haustür geklebt hatte, beschuldigte man Haithan, für den Einmarsch der Amerikaner mitverantwortlich zu sein. Die Familie hat ihn auf dem christlichen Friedhof von Teleskof begraben. „Wir sprachen mit der Polizei, den Amerikanern. Niemand half.“

Hilfe haben beide Familien von Massoud Barzani erhalten, dem Präsidenten der kurdischen Regionalregierung. Und von der Hilfsorganisation CAPNI, die sich unter anderem aus deutschen Spenden finanziert. Sie und die kurdischen Behörden haben Häuser gebaut, in denen die Flüchtlinge kostenlos wohnen dürfen. Es sind schmucke Gebäude, zu Hunderten stehen sie in den Dörfern der Ninive-Ebene. CAPNI möchte, dass die Christen im Irak wieder eine Zukunft haben. Doch was wollen die Kurden? Sie haben der Reporterin für den Besuch der Dörfer „aus Sicherheitsgründen“einen Mann im dunklem Anzug zur Seite gestellt. Die Männer an den Checkpoints grüßen ihn. Die Flüchtlinge kennen sein Gesicht. Er ist besonders aufmerksam, wenn sie die Zuwendungen der kurdischen Regionalregierung aufzählen. Auch Antworten auf politische Fragen lauscht er genau. Der Druck, unter dem die Flüchtlinge stehen, entweicht hörbar, als er zur Toilette geht: „Wem sind Sie verpflichtet?“, fragen sie die Reporterin, „Wem gehört die Zeitung, für die Sie schreiben? Erstatten Sie einer Organisation oder sonst jemandem Bericht?“

Dass sich die kurdische Regierung dem Leid der Christen widmet, wird von der internationalen Gemeinschaft wohlwollend aufgenommen - ein Problem weniger für sie. „Es entspricht dem kurdischen Demokratieverständnis, Minderheiten zu schützen“, sagt Georgis Shlemon, der Vizegouverneur der kurdischen Provinz Dohuk, in der mehrere Tausend christliche Flüchtlinge sind, „und ja: Wir freuen uns über den Imagegewinn, vor allem seitens der Amerikaner.“

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