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Die Brüder Boateng : Wenn die Würfel fallen

  • -Aktualisiert am

Am 23. Juni könnten Jerome (r.) und Kevin Boateng gegeneinander spielen, der eine für Deutschland, der andere für Ghana. Das gab es bei einer WM noch nie Bild: picture alliance / dpa

Jerome, Kevin und George Boateng galten als die talentiertesten Fußballspieler Berlins. Zwei von ihnen sind nun bei der WM und könnten einander sogar im Spiel Ghana gegen Deutschland gegenüberstehen. Der dritte züchtet Kampfhunde. Eine Reportage von Michael Horeni und Marcus Jauer.

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          Kevin Boateng sieht aus, wie er beschrieben wird. Der Kopf ist geschoren bis auf einen breiten Streifen, der von der Stirn nach hinten verläuft, und das, was das Trikot von Hals und Armen freigibt, ist mit Tätowierungen überzogen. Aber er schaut mit einem verständigen Blick aus seinem Gesicht, seine Stimme klingt erwachsen, und wenn er mitten im Gespräch einmal ans Telefon muss, weil seine Frau anruft, dann entschuldigt er sich. Er wirkt erst einmal nicht wie ein Arschloch.
          „Arschloch“, sagt er, „das muss man sich mal vorstellen.“

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ist jetzt einen Monat her, da trat Kevin Boateng im Finale um den englischen Ligapokal seinem Gegenspieler Michael Ballack so hart gegen den Knöchel, dass Ballack ausgewechselt werden musste. Tage später wurde klar, dass Ballack schwerer verletzt war und nicht mit zur Weltmeisterschaft fahren konnte. Die Nationalmannschaft stand auf einmal ohne Kapitän da. Zeitungen brachten Sonderseiten, das Fernsehen schaltete zu Joachim Löw ins Trainingslager, und im Internet gründeten sich Gruppen, die „Boateng umhauen“ hießen oder „82.000.000 gegen Boateng!“. Der Kolumnist der „Bild“-Zeitung schrieb: „Immer sind es Arschlöcher, die alles zerstören.“

          Wenn der Trainer ihn nicht aufstellte, fing er an zu weinen

          „Aber ich wusste schon, was auf mich zukommt“, sagt Kevin Boateng.Er sitzt in der Lobby eines Hotels in Rotterdam, wo er sich mit der Nationalmannschaft Ghanas auf die Weltmeisterschaft vorbereitet. Am anderen Tag haben sie ein Trainingsspiel gegen die Niederlande, kurz darauf eins gegen Lettland, danach fahren sie nach Südafrika. Dort wird Ghana im dritten Spiel auf die Mannschaft treffen, in der nun Michael Ballack fehlt. Dann tritt Kevin Boateng gegen Deutschland an. Dabei hatte er einmal für dieses Land spielen wollen.

          Ein verhängnisvoller Einsatz: Kevin Boateng foult im Wembley Stadion am 15. Mai Michael Ballack, der anschließend für die WM ausfällt

          Kevin Boateng ist in Berlin geboren und wuchs im Wedding auf, einer Gegend, in der viele Leute ihre Wurzeln im Ausland haben, viele von Stütze leben und manche von Brüchen. Die Familie wohnte in einem Eckhaus über einem Teppichladen, nicht weit davon lag ein Bolzplatz in einem kleinen Park, den es heute noch gibt, nur dass die Wege inzwischen gepflastert sind und auf den Bänken keine Drogen mehr verkauft werden. Zwei Tore ohne Netz auf einem Stück Asphalt, das von einem Gitter umgeben ist. In diesem Käfig hat Kevin Boateng gespielt, als ihn ein Jugendtrainer für Hertha entdeckte. Er konnte den Ball mit der Hacke über den Kopf kicken und ihn vorn mit dem Fuß wieder auffangen. Das konnten auch andere Kinder, aber die waren nicht sieben Jahre alt und hatten Gummistiefel an den Füßen.
          „Es ist alles leicht“, sagt er, „wenn du jung bist und noch nicht so viel weißt.“

          Sein Vater, Prince Boateng, stammte aus Ghana, er hatte die Familie früh verlassen und kam nur sehr selten vorbei. Die Mutter arbeitete in einer Keksfabrik, später brauchte sie Sozialhilfe, um die fünf Kinder durchzubringen, die sie sehr streng erzog. Kevin durfte nie lange aufbleiben, nie bei Freunden schlafen. Wenn sein Trainer ihn nicht aufstellte, fing er an zu weinen, und wenn die Mannschaft im Trainingslager zur Strafe Toiletten putzen musste, war er der Einzige, der wusste, wie so etwas geht.

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