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Die Brüder Boateng : Wenn die Würfel fallen

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Horst Hrubesch erinnert sich noch, wie er Kevin Boateng einmal zu Seite nahm. Damals hatte er alle Jahrgänge der Jugend durchlaufen, die U 18 übersprungen, es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er einmal für Deutschland spielte. Manchmal hatte Hrubesch das Unberechenbare gestört, er stellte ihn sich dann wie ein Autobahnkreuz vor, bei dem scheinbar alle Straßen durcheinandergehen und der Weg hinein nur schwer zu finden ist. Aber das war seine Aufgabe als Trainer. Was ihn an Kevin Boateng störte, war diese Art, sich wie der Größte vorzukommen.
Also sagte er zu ihm: „Ich habe einen Spieler, der ist besser als du.“
„Den gibt es nicht“, antwortete ihm Kevin. „Wer soll das sein?“
„Dein Bruder.“


Die zwölfte Tätowierung

Es ist nicht ganz klar, was passierte, dass er am Ende doch nicht mitfuhr zur Europameisterschaft der U 21. Es gab Gerüchte über einen Kneipenabend im Trainingslager, der zu spät endete. Kevin Boateng sagt, die Mannschaft habe nur einen Vorwand gesucht, ihn loszuwerden, und Hrubesch habe ihn nicht unterstützt. Hrubesch sagt, er habe ihn nicht mitnehmen können, weil er verletzt gewesen sei. Kurz darauf jedenfalls gab Kevin Boateng bekannt, dass er für Ghana spielen wolle, und nun ist es eben so.

Er hatte ein Star werden wollen. Jetzt sieht es so aus, als würde er der bleiben, der Ballack umgetreten hat. Die Weltmeisterschaft ist seine letzte Chance, sich freizuspielen. Dortmund hat ihn nicht gekauft, sein derzeitiger Club in England ist pleite. Für die nächste Saison sucht er noch einen Verein.
„Die Anfragen laufen“, sagt er.

Jerome Boateng sitzt auf der Terrasse des Mannschaftshotels, bis ein Mitarbeiter des Deutschen Fußball-Bundes vorbeischaut und auf die Uhr sieht. Es ist das Zeichen, zum Ende zu kommen. Er ist in den letzten Tagen oft gefragt worden, was er machen würde, wenn im Spiel gegen Ghana sein Bruder in der neunzigsten Minute auf ihn zulaufen würde, und hinter ihm ist nur noch das Tor.
„Ich werde zwar immer versuchen, fair zu spielen“, sagt Jerome. „Aber dann muss ich ihn halt . . . „ Er beendet den Satz nicht. Das Wort, das noch fehlt, will er nicht aussprechen.

George Boateng wird sich die Spiele seiner Brüder im Fernsehen anschauen. Er wohnt heute in einem Häuschen in Reinickendorf, wo der Wedding ins Kleinbürgerliche abzweigt. Vor ein paar Jahren hat er eine kurdische Türkin geheiratet, sie haben zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, und im Garten hält er Hunde einer Rasse, die nach Kampfhund aussieht. Es sind nur ein Männchen und ein Weibchen, aber er sagt, er könne ganz gut leben von der Zucht.

Vor Jahren hat er mit Kevin zusammen dem Trainer Falko Götz noch Prügel angeboten, als der gesagt hatte, ihre Mutter habe ständig andere Männer, und sich nicht dafür bei ihr entschuldigen wollte. Als die Reporter Jerome jetzt wegen des Fouls seines Bruders bedrängten, sagte George ihm, er soll das Handy ausschalten, das habe alles nichts damit zu tun. Er versteht sich mit ihm inzwischen besser als mit Kevin. Er ist ruhiger geworden, er hat seit zehn Jahren nicht einmal mehr falsch geparkt.
„Vielleicht fange ich im Sommer wieder mit Fußballspielen an“, sagt er.

Bevor die Weltmeisterschaft begann, haben sich die drei Brüder noch ein Tattoo machen lassen. Doch diesmal ging Kevin allein, für ihn war es die zwölfte Tätowierung, für Jerome und George die fünfte. Sie gingen zusammen. George ließ sich die Namen seiner beiden Kinder auf die Arme stechen, Jerome den Stammbaum seiner Familie auf den Rücken, Kevin zwei Würfel an den Hals. Zwei Würfel, die fallen. So, als sei noch nichts entschieden.

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