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Die Bahn als Obdach : Der Zugnomade

Gegen achtzehn Uhr ist Friedhelm W. in den zweiten Kreislauf seines Tages eingetreten. Für sein Auskommen braucht er drei flaschenvolle Züge. Meist nimmt er die gleichen. Es sind extra-lange ICs, die gut zugängliche Gepäcknetze haben und auf denen es vor allem keine Reinigungskräfte der Bahn gibt, seine größten Konkurrenten. Die Züge fahren eine vergleichsweise kurze Strecke, kommen nicht aus dem Osten und sind nicht allzu voll, sodass er gut von vorn nach hinten durchkommt. An den Endbahnhöfen hat er jeweils geeignete Möglichkeiten zum Einlösen der Flaschen, zum Ausgangsbahnhof kommt er schnell zurück. Friedhelm W. versteht es, nicht unangenehm aufzufallen, er darf sich hier aufhalten, er hat eine Fahrkarte und die sichert ihm sogar den Comfort-Status zu, ein Anrecht auf markierte Sitzplätze und bevorzugte Serviceinformationen.

Unterwegs nimmt er einen Bekannten auf seine Bahncard mit in die Lounge, die jetzt wieder leer ist. Für die Lounge-Mitarbeiter gehören er und Stefan zum Inventar. „Die haben sogar schon Fotos mit uns gemacht. Zum Geburtstag singen sie uns ein Ständchen.“ Wenn Friedhelm zur Flaschentour aufbricht, liest Stefan oder sieht fern. Anschließend schläft er an einem geheimen Ort. Lange halte er das nicht mehr durch, sagt er.

Er trägt es immer mit sich herum

In seiner Freizeit wirkt Friedhelm W. fast selbstlos. Nur bevor er beruflich einen Zug betritt, wird er unruhig, weil ihm jemand sein Revier streitig machen könnte. Es geht dann um seine Existenz und er weiß, dass seine Stimmung abhängig vom Ertrag ist. Sein Gesicht bekommt ein professionelles, witterndes Lächeln, wenn er Reisende mit flaschenträchtigen Taschen auf dem Bahnsteig sieht, und er macht sich im Abteilgang breit, wenn ihn einer von denen überholen will, denn die besten Wagen kommen zum Schluss.

Nach getaner Arbeit wird er um schlafen zu können einen der wenigen Nachtzüge nehmen. Morgens hängt alles von seinem Handywecker ab, der das Durchfahren verhindert und damit Freizeitverlust und Verdienstausfall. Unpünktlichkeit bringt seinen gesamten Tagesplan durcheinander und er nimmt es sich bitter übel, wenn er die Treffen mit Christoph oder Stefan verpasst. An diesem frühen Morgen wird er pünktlich an seinem Ausgangspunkt anlangen, zunehmend mit geschwollenen Beinen, was ihn beunruhigt. Ein neuer Tag wird anbrechen. Er wird die letzten Flaschen abgeben und in die Lounge fahren, wo er sich seine Bouillon auflöst - das erste Ritual des Tages.

Friedhelm W. findet sein Leben „ok.“, würde es aber, wie er sagt, niemandem empfehlen. „Die Zeit geht nicht spurlos an einem vorüber, der ganze Elektrosmog.“ Er wartet in der schummrigen Hallenbeleuchtung des Bahnhofs auf den nächsten Zug. „Man verschwendet sich auch irgendwie“, sagt er. „Ich für mich kann nichts ändern“, sagt er, „dazu bräuchte ich wieder eine Freundin, aber ohne Arbeit hat man keine Chance, eine Frau zu finden, wie ich sie mir vorstelle.“ Bis er fünfundsechzig wird, muss er durchhalten. Dann bekommt er eine kleine Rente und eine erhebliche Versicherungssumme ausgezahlt. Von der will er sich eine Eigentumswohnung kaufen, für sich und wenn nötig auch für seinen Bruder.

Wieder im Zug setzt er müde seine Brille ab. Sie ist geradezu seriös, hat mehrere Stürze überlebt, braucht aber dringend stärkere Gläser. „Man gibt sich auch irgendwie auf“, sagt er und sein Gesicht wirkt plötzlich grau. „Natürlich kann man sagen, mein Leben ist eine Schwäche. Wäre ich stark, hätte ich damals nach meiner Verurteilung gesagt: Denen zeig' ich's, ich mach' weiter. Aber deswegen habe ich letztlich meine Geschichte erzählt: Auch als Schwacher kann man so etwas überleben, wenn man sich nur einschränkt.“

Friedhelm W. stemmt seine Taschen empor, mit denen er ohne Anzustoßen kaum durch den Gang kommt. Beim Aussteigen winkt er linkisch und lächelt. Dann ziehen ihn die Taschen nach draußen, der nächste Anschluss wartet. Er hat noch zwei Flaschenzüge vor sich. Ein Leben in leeren Zügen und manchmal auch in vollen, er trägt es immer mit sich herum.

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