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Die Bahn als Obdach : Der Zugnomade

An seiner ersten Haltestelle des Tages, es ist seine Geburtsstadt, hält er sich in einem Bahnsteigräumchen warm oder trinkt einen Kaffee in der Bahnhofsmission. Dann besteigt er einen Zug in Richtung Süden, wo er Christoph M. trifft. Die beiden haben einander im Sommer in einem überfüllten Zug auf dem Fußboden kennengelernt und angefreundet. Christoph ist Theologiedozent, hat früher ehrenamtlich für die Telefonseelsorge gearbeitet, und bringt ihm jeden Tag etwas Gesundes zu essen mit, diesmal Öko-Äpfel, Karotten, ein Vollkornbrot mit Käse und Schokoladentäfelchen. W. überreicht ihm im Gegenzug Zeitungsausschnitte und Magazine. „Mit ihm ging es bei mir aufwärts“, sagt W., „vorher war ich ziemlich am Boden.“ Die beiden flachsen viel, Christoph vertreibt die irrationalen Anflüge Friedhelms, der zu esoterischen Gedanken neigt und menschliche Beziehungen etwa auf Sternbilder zurückführt. Christoph, der Friedhelms Sternbild teilt, hilft ihm, klar zu denken. Er wird dann richtig geistreich, sprüht vor Witz. „Er strahlt eine gewisse Würde aus“, sagt Christoph.

In der Universitätsstadt trennen sich Christoph und Friedhelm. W. geht zum Essen in die Bahnhofsmission oder eine andere karitative Einrichtung. Gegen Mittag macht er sich auf den Weg in sein Elternhaus, das heute das Haus seines Bruders ist und das er nur betritt, wenn dieser nicht da ist. Die beiden gehen sich aus dem Weg, die Gründe seien kompliziert, sagt er. Für seine Artikel-Sammlungen nutzt W. den Keller, der immer enger wird. Das erschreckt ihn selbst. Bald muss er ans Wegwerfen denken, mit dem Sortieren hat er schon begonnen.

Lange hält er das nicht mehr durch

In einem der Zimmer kann er schlafen. Er benutzt keinen Strom und kein Wasser. Er zahlt nichts, also will er auch nichts verbrauchen. Selbst die Blase leert er nach Möglichkeit vorher. Er kann sich nichts kochen, nicht waschen und bricht im Winter recht früh auf, weil es im Haus stockdunkel wird. Er ist trotzdem gern hier, sagt er, hier kann er zwischentanken. Im Bauch hat er zu diesem Zeitpunkt das Essen von Christoph, einen „Apfeltraum“, eine Schinken-Käse-Zunge, ein Marzipan-Croissant und ein Quarkbällchen, alles vom Vortag. Manchmal begleitet er einen Freund auf Aktionärstreffen. Er zieht sich fein an, lauscht den Reden der Vorstände und genießt die reichhaltigen Speisen und Getränke, die in den austragenden Hotels gereicht werden. Das sind seine kulinarischen Höhepunkte.

Von seinem Elternhaus geht er direkt zur Arbeit, die das Flaschensammeln inzwischen für ihn geworden ist. „Ich bin als Sammler nur in Zügen unterwegs, nicht in Bahnhöfen, nicht in Stadien, nicht auf Flugplätzen. Ich brauche keinen Ärger mit Sicherheitskräften“, sagt er. In Mülleimer, in die er nicht hineinschauen kann, greift er nicht mit der Hand. Das widerspräche auch der Hausordnung der Bahn. Flaschen auf Tischen oder in Gepäcknetzen nimmt er nur, wenn sie eindeutig herrenlos sind. Manchmal fragt er auch nach. Pfandflaschen der Bahn lässt er liegen, Fundsachen wie Geldbörsen oder Handys gibt er ab. Zeitschriften nimmt er auch mit, die schenkt er weiter, die jungen Servicekräfte aus der Lounge freuen sich über Sachen wie InTouch oder Glamour. „Das sind meistens Auszubildende, die verdienen ja nichts.“

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