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Die Bahn als Obdach : Der Zugnomade

Ihn überfällt immer wieder diese Müdigkeit

Als seine Freundin von ihrer schweren Erkrankung erfuhr, infolge von Diabetes hatten sich Stenosen in ihren Halsarterien gebildet, wünscht sie sich von ihm, dass er sich eine neue Frau sucht. Er findet das richtig und für sich auch komfortabel. Eine verheiratete Kollegin gefällt ihm, die beiden kommen sich näher, trennen sich nach einiger Zeit aber wegen seiner Eifersucht, er fühlte sich nicht genug geliebt. Monate später verwickelt sie ihn in einen Prozess wegen Körperverletzung. Sie sagt als Zeugin gegen ihn aus und trägt damit erheblich zu seiner Verurteilung auf Bewährung bei. Er sagt, er habe nichts getan, er sei gewaltlos, und auch, dass er sich wohl umgebracht hätte, wenn er nicht ein Dokument in seinen Besitz gebracht hätte, aus dem für ihn persönlich einwandfrei seine Unschuld spricht: ein medizinisches Gutachten, in dem die „blutende Kratzwunde“ fehlt, wegen der er verurteilt wurde.

Während sich der Prozess über Jahre hinzieht, arbeitet er noch „im Betrieb“, wie er sagt, doch er hat sich von seinem Beruf längst innerlich verabschiedet. Nicht nur, dass sein Arbeitsplatz der angebliche Tatort ist, er hat das immer so gemacht. Wenn er zur Arbeit nicht „wie zu Freunden“ gehen konnte und irgendwer Druck auf ihn ausübte, ist er immer irgendwann gegangen. Wie durch ein Wunder ergaben sich neue Anstellungen in den achtziger und neunziger Jahren. Einmal hat er nebenbei ein naturwissenschaftliches Studium begonnen. Doch nach der Verurteilung ist mit alldem Schluss. Die Kündigung kommt mit der Post. Er gibt sofort seine Schlüssel bei der Sekretärin ab und geht, für immer aus dem Arbeitsleben, erleichtert. Da der Fall arbeitsrechtlich fragwürdig ist, kann er eine Abfindung aushandeln.

In der ersten Nomaden-Zeit, als er noch arbeitete und später, als ihn die Abfindung über Wasser hielt, fuhr er in die großen deutschen Städte, zur Tour-Etappe nach Karlsruhe und auf das Turner-Fest in Leipzig. Unter dem Brandenburger Tor verpasste ihm einer eine Platzwunde am Kopf, seitdem meidet er Volksfeste. Dann sind die Ersparnisse aufgebraucht, und er muss überlegen, wie es weitergeht. Er kommt auf das Flaschensammeln zurück, anfangs noch ganz schüchtern, doch im WM-Jahr 2006 fallen ihm die Flaschen nur so in den Schoß. Er nimmt den Zug jetzt auch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

An Wochentagen führt ihn die erste Zugfahrt in Richtung Norden. Würde er nicht erzählen, schnitte er weiter Zeitungsartikel aus den Bereichen Finanzen („das brauche ich für mein Leben“), Gesundheit, Gerichtsurteile, Wissenschaft und „Sentimentales“ zurecht. „Wenn man eine Zeitung liest, kann man sich verlieren, man ist in seiner Welt“, sagt er. Er macht keinen Hehl daraus, dass das Ganze zwanghafte Züge trägt, er bezeichnet sich selbst als Zeitungsmessi. Das Schneiden hält ihn wach, in letzter Zeit überfällt ihn immer wieder diese Müdigkeit.

Bald muss er ans Wegwerfen denken

Der Schaffner kommt ins Zwischenabteil und kontrolliert die Fahrscheine, nur Friedhelm W. nickt er ab. Er kennt ihn.

Manchmal beschwert sich jemand in der Comfort-Zone über seine Scherengeräusche. Dann sagt er: „Sie haben eine negative Aura, mit Ihnen unterhalte ich mich nicht.“ Danach gucken die Leute groß, manche beschweren sich beim Zugbegleiter, doch der hält meist zu W., der im Recht ist. „Ich will gebildete Menschen um mich haben“, sagt W.

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