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Die Bahn als Obdach : Der Zugnomade

Seit zehn Jahren lebt Friedhelm W. schon in Zügen. Keinen einzigen Tag war er krank. Kranksein kann er sich nicht leisten, er ist nicht versichert. Hartz IV beantragt er nicht, weil er unabhängig sein will, arbeiten im Gesundheitswesen, wie er es früher getan hat, kommt für ihn nicht mehr in Frage. „Ich will nichts mehr tun“, sagt er.

In seiner Brusttasche befinden sich Verzehrgutscheine der Deutschen Bahn für verspätet eingetroffene Züge, ein Kugelschreiber und eine Liste mit den Wunschzeitungen der Woche. Die Taschen, die er mit sich herumschleppt, enthalten neben der Schere Toilettenartikel, Waschzeug, eine zweite Garnitur Kleidung, ein Handy mit leerer Karte, einen Schirm, weitere Taschen und Zeitungen über Zeitungen. Sein ganzer Stolz ist eine Tasche, in die vierhundert Pfandflaschen passen. „Mein Goldstück“ nennt er sie. Friedhelm W. lebt vom Flaschensammeln in Zügen. Alles Geld, das er damit verdient, bekommt dann die Deutsche Bahn. Für die 3800 Euro teure „Bahncard 100“ muss er täglich zehn Euro Pfand einlösen, was etwa fünfzig Flaschen entspricht. „Das ist zu machen“, sagt er. Sein Rekord liegt bei über vierzig Euro am Tag.

Er unterteilt seinen Tag strikt in Freizeit und Arbeit. Freizeit hat er, wenn andere arbeiten, wie jetzt, da würde er nie eine Flasche einsammeln. Am Wochenende beginnt er die Arbeit dafür schon um vierzehn Uhr. Am Karfreitag und an Weihnachten ist auch für ihn Feiertag.

Die Behandlungsmethode nennt er „mobil ambulant“

Seine Tageseinteilung entspricht zwei Kreisläufen auf Schienen, die auf der Landkarte in etwa eine Acht bilden. Im ersten befindet er sich gerade, es ist seine Freizeitstrecke, die ihn, das sei aber Zufall, über seine Geburtstadt und die Stadt, in der er aufgewachsen ist, zurück zu seinem Ausgangsbahnhof führen wird. Der zweite Kreislauf wird dann später dem deutschen Pfandsystem folgen.

Schon als junger Mann hat Friedhelm W. einen Mobilitätstick. Während seines Zivildienstes geht der Abiturient oft zu Fuß zu seinem vierzig Kilometer entfernten Einsatzort, die ganze Nacht hindurch, und schläft zuweilen, einfach, um es auszuprobieren, in Zügen, die auf den Gleisen abgestellt worden sind. Morgens zeigt er dem Schaffner eine Fahrkarte vor, als wäre nichts geschehen.

Später, mehr durch Zufall im Gesundheitswesen gelandet, löst er, obwohl nicht schlecht verdienend, stehengelassene Pfandflaschen ein, um sich von dem Geld hin und wieder ein besonderes Kantinenmenü zu gönnen. All das hat ihm, sagt er, den Einstieg in sein jetziges Leben erleichtert. Aus der Bahn geworfen und dann wieder wörtlich in die Bahn hineingeführt aber hat ihn der Tod seiner Freundin im Jahr 2001.

Als sie an einem Schlaganfall stirbt, sitzt er plötzlich in einer hundertzwanzig Quadratmeter großen Wohnung fest, die er allein nicht halten kann. Ihm wird klar, dass er jede Form von Stillstand nicht aushalten kann. Er besitzt keinen Führerschein, aber er hat immer schon mit einer Netzkarte der Bahn geliebäugelt. Jetzt heißt sie Bahncard und kommt ihm gerade recht. Niemanden zu brauchen und trotzdem beweglich zu sein, dazu Zeitungen, Gourmetkaffee und Säfte umsonst, im Sommer Eis, Ruheliegen, zwei Fernsehprogramme mit kabellosen Kopfhörern - Friedhelm W. fühlt sich wie im Hotel. „Mit den damals 250 Euro im Monat konnte ich plötzlich wieder mein ganzes Leben gestalten. Die Bahncard war für mich Freiheit.“ Wenn er nicht arbeitet, ist er auf Bahnhöfen und in Zügen unterwegs. Das Zugfahren hilft sogar gegen die Depression. Die Behandlungsmethode nennt er „mobil ambulant“.

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