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Deutsche Hippies : Die Blumenkinder gehen in Rente

Mancher Hippie, der in den sechziger und siebziger Jahren nach Indien kam, ist hier auf seinem Trip hängengeblieben Bild: Kelly Ryerson/Getty Images

Vor vierzig Jahren brachen sie als Blumenkinder aus Deutschland auf. In Goa sind inzwischen Pensionäre aus ihnen geworden. Im Paradies von einst stranden heute nur noch die Pauschaltouristen.

          9 Min.

          Piyush steht in seinem Garten hinter dem weißen Strand von Agonda und schiebt mit einer schweren Harke Erde zusammen. Er baut Wälle um Beete, schafft Holz heran für eine Plattform, auf der er bald Yoga lehren will. „Ein paar Tage noch, und wir haben hier ein Meditationszentrum unter freiem Himmel“, sagt er. Der Garten ist ein schlammiger Platz. An seiner Seite qualmt ein Müllhaufen. Piyushs Körper glänzt vor Schweiß. Aber seine Augen leuchten.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Ich fühle, dass ich mein Potential noch nicht ausgeschöpft habe. Ich will noch etwas anderes“, sagt Piyush. Sein Sanskrit-Name steht für den Liebenswerten, den Nektar. Von seiner bürgerlichen Existenz als Heilpädagoge aus dem Kölner Umland bezieht Peter nur noch eine kleine Monatsrente. Als seine Kinder groß waren, ist er nach Indien gegangen. Als er seinen Guru traf, wurde aus Peter Piyush. In Agonda ist er schließlich hängengeblieben.

          Hängengeblieben in einem Flecken am langen Strand von Goa, im Südwesten Indiens. Uschi Obermaier nahm hier LSD, fing Frösche und ließ sich einen Hammel braten, die Rolling Stones schauten vorbei, die Beatles ließen sich unter dem Banyan-Baum in Chapora fotografieren, Madonna soll bis heute immer mal wieder herkommen, nur Eight-Finger-Eddie hat Goa gerade für immer verlassen. Er war es, der den Strand einst zum Sehnsuchtsziel machte. Damals begannen die Amerikaner gerade, Vietnam zu bombardieren. Woodstock sollte noch vier Jahre auf sich warten lassen. Eddie aber reiste auf dem Hippie-Trail zwischen Athen und Istanbul und Srinagar, Kabul, Katmandu und Teheran. Überall dorthin, wo die Sonne schien, das Essen billig war und Drogen Erleuchtung boten. 1965 kam er nach Goa, gründete den berühmten Hippie-Flohmarkt und blieb. Er wähnte sich im Paradies.

          Auf dem Fuße folgten ihm die Suchenden, die Sonnenanbeter, die Hippies. Flowerpower unter Palmen, das Gefühl unendlicher Freiheit, bestimmt nur vom Rhythmus der Wellen des Arabischen Meeres. „Der Strand war rund um die Erde so bekannt, dass die Indienkarten der Touristikmanager in den sechziger Jahren nur Goa zeigten, den Rest des Landes nur als Umriss“, sagt der Journalist Cyril D’Cunha aus der Provinzmetropole Panjim. Natürlich hätten die Nacktheit und Drogen der Beatnicks und Hippies die Inder schockiert. „Aber letztlich lebten die damals ihr eigenes Leben, hatten kaum Berührung mit den Einheimischen.“ Es sei friedvoll zugegangen, ruhig. „Nicht so lasterhaft, so teuflisch wie heute.“

          Cleo Odzer, die Mitte der sechziger Jahre per Bus aus Athen bis nach Goa kam, erinnert sich an einen typischen Abend: „Der Strand füllte sich mit Freaks. Ihre langen Haare wehten im Wind, die Männer trugen Lungis, die Frauen lange, wehende Röcke, und viele kamen barbusig. Männer und Frauen hatten Unmengen alten indischen Silberschmucks am Handgelenk, an den Armen, am Hals und um den Bauch. Sie ließen sich im Sand nieder und suchten mit den Augen die Stelle, an der die Sonne im Wasser versinken würde. Der Himmel färbte sich rosa. Violett. Orange. Die Gespräche wurden leiser. Manche flüsterten.“ Damals gab es keine Mopeds, keine Appartementhäuser, nur einen Bus, der einmal täglich über die enge Straße nach Panjim kurvte. Das Leben war leicht, billig, bunt. Voller Wärme und Geborgenheit, umgeben von schönen, jungen Menschen.

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