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Das war unsere Erziehung : Wir Kinder vom Prenzlauer Berg

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Der Spielplatz am Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg, Berlin im Sommer 2010 Bild: Andreas Pein

Sie gehören zu einer Generation, die von ihren Eltern stärker behütet und gefördert wurde als jede andere zuvor. Wird sie das einmal zu glücklichen Erwachsenen machen? Ein Blick zurück aus der Zukunft. Aufgezeichnet von Marcus Jauer.

          Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal bei meinen Eltern in Prenzlauer Berg. Sie wohnen noch immer in dem ausgebauten Dachgeschoss, in dem ich aufgewachsen bin und in dem sie inzwischen ihr halbes Leben verbracht haben. Es war Abend, mein Vater hatte gegrillt, wir saßen auf der Terrasse und schauten über Berlin. Eigentlich war ich gekommen, um sie in einer Sache um Rat zu fragen, aber dann, ich weiß gar nicht wie, hatten sie doch wieder nur über meine Kindheit geredet. Das kannte ich nun schon. Früher dachte ich immer, sie erzählen davon, weil sie sich Dankbarkeit von mir erwarten, und da hätte ich ihnen schon ein paar Takte zu sagen gehabt. An diesem Abend aber dachte ich, sie erzählen es vielleicht doch nur sich selbst. Meine Kindheit, das war das große Projekt meiner Eltern, die einzige Sache, von der sie glaubten, dass sie ihnen wirklich gelungen war.

          Als ich im Sommer 2010 geboren wurde, kam ich mit einem Kaiserschnitt auf die Welt. Meine Mutter hatte sich in einem Geburtshaus beraten lassen, weil sie wollte, dass alles ganz natürlich zugeht, aber dann war sie dort auf eine Frau getroffen, die ihr mit Inbrunst vorspielte, welche Schmerzen man bei einer Geburt erleidet. Einerseits wollte sich meine Mutter nicht um das Erlebnis bringen, und sie fand wohl auch, dass die Geburt etwas war, das wir beide durchstehen mussten. Andererseits sagte sie sich, dass ich mich später ohnehin nicht mehr daran erinnern würde, und nachdem ihr eine Freundin dann noch gezeigt hatte, dass man von einem Kaiserschnitt nur eine kleine Narbe zurückbehielt, war die Sache entschieden. Als meine Mutter mit meinem Vater ins Krankenhaus fuhr, hatte sie sich auf den Termin seit Wochen eingestellt, zwei Stunden später war ich auf der Welt, sie hatte keine Schmerzen gehabt, ich keinen zerdrückten Kopf. Wir machten uns das Leben von Anfang an nicht schwer.

          Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, aber damals war der Prenzlauer Berg voller junger Leute. Sie waren wegen eines Studiums nach Berlin gekommen, dann geblieben und hatten nun Jobs, deren Inhalt sich schwer beschreiben ließ, oder sie gingen in Büros, die in leer stehenden Läden eingerichtet waren, so dass man ihnen durch das Schaufenster beim Arbeiten zusehen konnte. Die Dinge, die sie herstellten, verkauften sie meist nur innerhalb des Viertels. Der eine baute Brillen, der zweite schnitt Haare, der dritte schneiderte Kleider, der vierte schrieb Zeitungsartikel darüber oder Drehbücher für einen Film, der dann im Viertel spielte, weshalb der fünfte darin eine Rolle bekam. Um Geld ging es ihnen nicht, sie lebten eher davon, dass sie kreativ waren. Wie gesagt, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber im Grunde erwarteten sie alle vom Leben nicht mehr, als dass es gut war.

          Was immer ich hätte wollen können

          Morgens gingen sie aus ihren frisch sanierten Altbauwohnungen zur Arbeit, mittags trafen sie sich in Cafés, deren Tische auf verbreiterten Gehwegen standen, und abends kochten sie die Lebensmittel, die sie im Bioladen gekauft hatten. Am Wochenende flogen sie für einen kurzen Urlaub ins Ausland, weil Fliegen damals noch billig war, oder sie bekamen Besuch von ihren Eltern aus Süddeutschland, denen sie zeigten, wie sie sich eingerichtet hatten. Wenn ich Bilder sehe von meinen Eltern beim Segeln auf dem Wannsee, beim Karaoke im Mauerpark, beim Ausgehen in den Bars, die damals am Ufer der Spree lagen oder bei ihren Freunden, die ein Haus hatten auf dem Land, dann wirken diese Jahre auf mich, als seien sie ein einziger, langer Sommertag gewesen. Diese Welt wirkte auf mich so stimmig, dass mir nie richtig klar geworden ist, weshalb meine Eltern unbedingt Kinder in sie setzen wollten. Aber womöglich dachten sie, dass das nichts ändern würde.

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