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Ben Tewaag : Draußen

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Ben Tewaag erzählt nicht, was er gemacht hat, nur, dass er allein ging und nicht zugeschlagen hat. Danach rief ihn ein älterer Justizbeamter zu sich, dem die Sache nicht verborgen geblieben war.

„Sie können nicht einfach in die Zelle eines anderen Gefangenen gehen“, sagte er.
„Was hätte ich tun sollen?“, sagte Ben Tewaag.
„Sie hätte es auf sich beruhen lassen können.“
„Sie wissen, dass das hier nicht geht.“
„Dann hätten sie zu einem der Justizbeamten kommen müssen.“
„Sie wissen, dass das erst recht nicht geht.“
„Aber Herr Tewaag“, sagte der Beamte da und klang wie ein Vater, „Sie sind kein Verbrecher.“





Manchmal fehlten ihm die Leute, mit denen er eingesperrt war

Den Augenblick, an dem er entlassen werden würde, hat Ben Tewaag sich wie die Szene aus einem Film vorgestellt. Aber dann waren keine Reporter da, und er fuhr einfach nur zu seiner Freundin. 586 Tage hatte er im Gefängnis gesessen. Einmal hatte ihn sein Vater besucht, aber die Scham, ihn in diese Lage gebracht zu haben, hat Ben Tewaag lange gequält. Seine Mutter hatte kommen wollen, aber dann war ihr die Gefahr von den Fotografen gesehen zu werden, doch zu groß.

In der ersten Zeit hatte er Schwierigkeiten damit, große Räume zu betreten, ihm war immer, als brauche er nicht so viel Platz. Wenn es Abend wurde und er sich im offenen Vollzug auf den Weg gemacht hätte, um keine Minute später als zehn Uhr in der Justizvollzugsanstalt zu sein, hatte er nun das Gefühl, irgendwie illegal draußen zu sein. Manchmal klang es in seinen Ohren seltsam, wenn seine Freundin sagte, sie habe einen schweren Tag gehabt. Manchmal fehlten ihm die Leute, mit denen er eingesperrt war.

„Man lebt die ganze Zeit mit jemandem zusammen“, sagt er, „und dann auf einmal nicht mehr.“

Wenn er so erzählt, hört es sich an, als habe er im Gefängnis zwei Dinge gelernt. Zum einen, was ihn dort hineingebracht hat. Zum anderen, dass er darin überleben kann. Es ist nicht klar, mit welcher Erkenntnis er in Zukunft etwas anfangen will.

Noch bevor er freikam, hatte ihm ein Privatsender ein Angebot gemacht. Es sollte eine Dokumentation über seine Entlassung und die ersten Schritte in die Freiheit sein. Er hätte das Geld gebrauchen können, aber er hat dennoch abgesagt, so wie er früher immer Einladungen ins Dschungelcamp abgesagt hat. Seine Freunde haben das nicht verstanden. Sie sehen nicht ein, weshalb einer, der im Gefängnis gesessen hat, sich für das Privatfernsehen zu schade ist. Aber er hat etwas anderes vor.

Er zieht ein paar weite Kreise

Er hat viel geschrieben in der Zelle. Es sind mindestens tausend Seiten geworden. Er ordnet sie gerade und versucht, ein Buch daraus zu machen. Es fällt ihm nicht leicht, den Bogen der Erzählung zu halten. Es kommen ihm immer wieder Details dazwischen. Aber er will sich nicht helfen lassen. Es soll kein Erfahrungsbericht werden, eher eine Schilderung dessen, was er in seinem Leben gesehen und verstanden hat. Er will einmal nicht nur das Material für eine Geschichte über ihn sein.

Es ist schon lange Abend, als der Chevrolet Camaro nach Hamburg zurückkommt. Auf der Suche nach dem Bahnhof zieht Ben Tewaag ein paar weite Kreise. Er ist nach seiner Entlassung in die Stadt gezogen, seine Freundin wohnt hier. Er ruft sie an, um ihr zu sagen, dass er gleich zu Hause ist.

„Soll ich denn noch ein Video mitbringen für die liebe Maus“, fragt er sie.

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