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Ben Tewaag : Draußen

  • -Aktualisiert am

„Ich habe keine guten Erfahrungen gemacht“, sagt er, „auch nicht mit mir selbst.“

Er wollte das durchstehen

Wenn Benjamin Tewaag heute erzählt, wie das immer wieder passieren konnte, fällt ihm die Uhrzeit ein, es war meist zwischen zwei und fünf Uhr nachts, dazu der Alkohol, der seine Hemmschwelle senkte, das Kokain, das ihn kalt und hart machte und dann diese lauernde Wut. „Ich war eben druff“, sagt er, „ich war ein richtiger Druffer“.

Er fährt ab, hält an einer Tankstelle, kauft sich ein alkoholfreies Bier und ohne, dass erkennbar wäre, warum, dreht er um und fährt nach Hamburg zurück. Er hält die Dose zwischen den Beinen und zündet sich eine Zigarette an. Es ist früher Abend, und es beginnt zu regnen.

Nach einem halben Jahr hatte Ben Tewaag sich an das Gefängnis gewöhnt. Er hatte sich keine Spritze geben lassen, die ihn über Wochen ruhiggestellt hätte und deshalb im Knast Betonspritze heißt, und wäre seine Freundin nicht gewesen, hätte es ihn auch nicht gestört, die volle Strafe abzusitzen und nicht nach zwei Dritteln freizukommen. Er wollte nichts geschenkt, er wollte das durchstehen.

Er hielt sich von Junkies und Kinderschändern fern und war meist mit ein paar Schwerverbrechern zusammen. Sie hatten mit Drogen gehandelt oder Geldtransporter überfallen, aber wenn sie davon erzählten, klang es nach einem normalen Geschäft, in dem Knast eben das Geschäftsrisiko war. Sie handelten überlegt und hielten sich an die Regeln ihrer Branche. Eine davon lautete, niemals mit der Polizei oder der Staatsanwaltschaft zu reden. Sie schienen die Erwartungen der anderen Menschen abgeschüttelt zu haben, und das hatte sie auf eine Weise frei gemacht, die ihn beeindruckte. Wäre Ben Tewaag an einer kriminellen Karriere interessiert gewesen, er hätte hier seine Lehrmeister gefunden.

„Ich mache einfach nichts Legales“, sagte ihm einer, „das interessiert mich nicht.“

Mit diesen Leuten spielte Ben Tewaag jeden Tag mehrere Stunden Schach, sah fern oder bastelte Bilderrahmen, die sie dann ihren Frauen mitbrachten. Was er getan hatte, hielten sie für lächerlich. Aber sie respektierten ihn dafür, wie er damit umging. Als in einer Boulevardzeitung eine Geschichte erschien, in der es hieß, dass er im Knast Vergünstigungen habe und von seinen Mithäftlingen „Uschi“ genannt werde, stand der jugoslawische Drogendealer, der sich seiner angenommen hatte, nach einem Freigang vor dem Tor und erklärte dem Kamerateam eines Privatsenders, dass das Quatsch sei.

Sie sind doch kein Verbrecher

Der Artikel war aus Informationen irgendeines Häftlings entstanden, und da im Gefängnis ständig alle übereinander reden, war nicht schwer herauszufinden gewesen, um wen es sich handelte. Ben Tewaag wusste es, der andere wusste, dass Ben Tewaag es wusste, und alle wussten, dass alle es wussten. Die Frage war, was nun passieren würde.

Auf der Station von Ben Tewaag boten einige Gefangene an, sich für ihn gerade zu machen, wie es im Knast heißt, wenn etwas geklärt werden muss. Aber das wollte er nicht, er musste das allein lösen. Er durfte sich nicht prügeln, da Prügeleien von den Beamten hart bestraft wurden. Er durfte sich nicht auf der Station des anderen Häftlings erwischen lassen, weil dieser womöglich auch Freunde hatte, die sich für ihn gerade machen würden. Eigentlich durfte er noch nicht einmal dessen Zelle betreten. Aber nichts machen durfte er natürlich auch nicht.

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