https://www.faz.net/-gqz-6knan

Ben Tewaag : Draußen

  • -Aktualisiert am

Nie zuvor hatte er mit einem Menschen so eng zusammengelebt wie mit dem Russlanddeutschen, der unten ihm im Doppelbett schlief. Nie zuvor hatte er weniger Dinge besessen, als nun in seinem Schrank lagen, eine Schreibmaschine, ein paar Fotos, ein selbstgebastelter Kalender seiner Freundin und zwanzig CDs. Nie war er länger ohne Alkohol gewesen, obwohl er bald herausfand, wer Weißbrot und Marmelade zu Schnaps vergor. Er lernte, dass sich aus einer Blechdose und Margarine ein Herd bauen und aus dem Etikett des Duschgels doppelseitiges Klebeband rollen ließ. Er trieb Sport, er las, er schrieb jeden Tag einen Brief an seine Freundin und dazu, was er für sich selbst aufzeichnete. Mit der Zeit bekam er ein Gefühl dafür, was gut für ihn war. Er wunderte sich nur, dass ihm das erst im Gefängnis gelang.

„Ich habe gedacht, wenn es dir drinnen teilweise besser geht als in Freiheit“, sagt er, „dann musst du deine Freiheit überdenken.“

Er fährt Richtung Norden. Es ist später Nachmittag. Vielleicht will er zum Meer, aber darüber hat er nichts gesagt. Er fährt einfach, die Hand im offenen Fenster, und greift nach dem Wind.

Benjamin Tewaag hat zuerst als Redakteur für das Privatfernsehen gearbeitet, bis er Moderator bei einem Musiksender wurde. Seine Sendung hieß „Freak-Show“. Er wurde darin nackt hinter Autos hergeschleift, jagte Skifahrer mit der Kettensäge und ließ sich ohne Narkose ein Haar vom Hintern auf die Stirn transplantieren. Als die ersten Folgen abgedreht waren, feierte er mit seinem Team in einer Disko, und gegen Mitternacht brachte der Wirt dann hochprozentigen Rum.

Es ging nur um ein Taxi

Es begann damit, dass sie den Rum auf einer Bongotrommel ausgossen, entzündeten und ein bisschen mit der Flamme spielten. Später versuchten sie, Feuer zu speien und filmten einander dabei, um etwas für die Sendung zu haben, und irgendwann spuckte ein Kameramann dann Ben Tewaag den brennenden Rum direkt in den Hals. Da drehte der sich um, nahm die Flasche, übergoss den Mann und zündete ihn an. Er stand noch daneben und fragte, ob sie das auf Band hätten, bis jemand merkte, dass es ernst war, den Kameramann löschte und die beiden ins Krankenhaus brachte.

„Wir haben ja alle gebrannt“, sagt Ben Tewaag.

Im Frühjahr 2003 wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Er hatte dem Kameramann, der Verbrennungen zweiten Grades erlitten hatte, Verdienstausfall gezahlt und nichts mehr von ihm gehört, bis dieser schließlich doch eine Anzeige schrieb und die Geschichte in die Zeitung kam. Es war seine erste Strafe, aber von da an lebte er immer auf Bewährung. Jedes Mal, bevor eine Sache abgelaufen war, kam eine neue hinzu. Manchmal hätte es nur Tage oder Wochen gebraucht, und er wäre frei gewesen, aber dann passierte wieder etwas.

Im Sommer 2007 geriet er in München vor einer Diskothek mit einem Studenten in Streit. Es ging nur um ein Taxi, aber am Ende hatte der Mann eine gebrochene Nase. Als die Polizei kam, sprang Ben Tewaag auf die Brücke eines Baches und drohte damit, sich umzubringen und hörte damit auch in der Zelle nicht auf. Er sagte, er werde sich seine Zunge abbeißen, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und sagte: „Das ist alles nur passiert, weil ich der Sohn von Uschi Glas bin.“

Er bekam sechs Monate Haft, einige seiner alten Bewährungen wurden widerrufen, und er musste für zweiundzwanzig Monate ins Gefängnis.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke bei einer Pressenkonferenz in Brüssel am 20. November

Corona-Einschränkungen : Warum Belgien den deutschen Corona-Kurs kritisiert

Belgien hat kaum noch mehr Infektionen als Deutschland, hält aber an strengen Einschränkungen fest. Der Gesundheitsminister verteidigt das – er hält den deutschen Kurs für zu lax. Dabei war die Bewunderung noch vor kurzem groß.
Plädoyer vor dem Ethikrat: Matthias Habich und Lars Eidinger in „Gott von Ferdinand von Schirach“.

Streit um von Schirachs „Gott“ : Mediziner gegen Mediziner

Der Film „Gott von Ferdinand von Schirach“ beschwört eine heftige Kontroverse herauf. Palliativmediziner und Psychologen werfen ihm vor, er stelle die Frage nach dem Recht auf assistierten Suizid falsch. Andere Palliativmediziner und Juristen sagen nun, die Kritiker verzerrten alles von A bis Z.

Fehlgeburten : Wenn man nur noch wimmern kann

Meghan, die Herzogin von Sussex, hat in dieser Woche ihre Fehlgeburt öffentlich gemacht. Auch unsere Autorin wusste nicht, wie schmerzhaft der Verlust von jemandem sein würde, der nie auf der Welt gewesen ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.