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Ben Tewaag : Draußen

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Er ist vierunddreißig Jahre alt, manchmal hat er noch das Lächeln eines Jungen. Aber dann sieht er wieder aus wie jemand, dem etwas passiert ist. Die Haare geschoren, die Arme tätowiert, „Böse ist gut“, steht auf dem einen, „Fuck U“ auf dem anderen, aber im Gesicht hat er noch dieses jungenhafte Lächeln. Er beugt sich nach vorn, zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück. An den Kanten seiner Hände trägt er zwei Tätowierungen, die ein Herz ergeben, wenn er sie zusammenlegt. Rechts seine Initialen, links die seiner Freundin. Er hat es sich stechen lassen, bevor er ins Gefängnis ging. Er wollte etwas, das man ihm nicht nehmen konnte.

Gefangen in einer offenen Zelle

„Dann müssen sie es dir rausschneiden, hab ich gedacht“, sagt er.

In der ersten Nacht lag er allein in einer Zelle, die so schmal war, dass er die Wände berühren konnte, wenn er die Arme ausstreckte. Er dachte, er würde eingeschlossen werden, aber das passierte nicht. Er lag gefangen in einer offenen Zelle. Er fühlte sich schutzlos, das machte ihm Angst, aber es war nichts daran zu ändern. Andere hatten nun die Kontrolle über sein Leben übernommen.

Später kam er auf seine Station. Ein breiter Gang, vierzehn Doppelzellen auf jeder Seite und am Ende der Gemeinschaftsraum, in dem ein Fernseher stand. Er bekam eine Arbeit in der Metzgerei, zu der er jeden Morgen um fünf zu erscheinen hatte. Um sechzehn Uhr gab es Post. Um zweiundzwanzig Uhr war Einschluss. Eine Stunde Hofgang jeden Tag. Er durfte dreißig Minuten im Monat telefonieren, mit drei Nummern, die er vorher angeben musste, und alle zwei Wochen konnte er für eine Stunde Besuch empfangen. Wenn er darüber hinaus etwas wollte, schrieb er sein Anliegen auf einen Vordruck und gab ihm einem Beamten. Er hörte erst wieder davon, wenn es genehmigt worden war oder abgelehnt. Es waren Regeln, die galten, ohne dass sie begründet worden wären, dennoch lehnte er sich nicht dagegen auf.

Warum konnte er das eigentlich vorher nicht?

„Gute Frage“, sagt er, „wichtige Frage“.

Bevor er ins Gefängnis ging, hatte ihn vor allem die Frage beschäftigt, ob ihm dort etwas zustoßen konnte. Nun erstaunte ihn der höfliche Ton unter den Häftlingen. Alle gingen sie zuvorkommend miteinander um. Trat einer dem anderen versehentlich auf den Fuß, entschuldigte er sich. Als Ben Tewaag Witze über Duschen und Seife machte, erklärte ihm ein Russe, dass im Knast das Vergewaltigen zum Strafen eingesetzt werde und es sich nicht anbiete, darüber Witze zu machen. Als er anderen Häftlingen bei Schreibarbeiten half und sich ihre Geschichten anhörte, erklärte ihm ein Alter, dass er sich auf sich besinnen solle, das helfe ihm mehr.

Einmal wurde er für eine orthopädische Untersuchung nach Frankfurt gebracht. Er fuhr im Gefangenentransporter, die Stadt lag hinter einem Fenster aus Sicherheitsglas, die Praxis betrat er an Händen und Füßen gefesselt. Die Leute senkten den Blick, um ihm nicht ins Gesicht zu schauen. Ihm war, als gebe es nur zwei Arten von Menschen. Die drinnen und die draußen. Er gehörte zu denen, die drinnen waren. Es hatte ein paar Monate gedauert, dann war aus ihm ein Stabiler geworden, wie man im Knast sagt. Einer, der es akzeptiert hatte.

Eine Schreibmaschine, ein paar Fotos, ein selbstgebastelter Kalender

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