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Reportage : Der Vater

Spender A013: Kirk Maxey am Frankfurter Flughafen Bild: F.A.Z.-Julia Zimmermann

Ein junger Mann wird Samenspender. Er glaubt, er helfe der Forschung, aber die Klinik verkauft sein Sperma. Seit er das weiß, sucht er nach seinen Kindern. Es könnten vierhundert sein. Zwei hat er schon gefunden. Sie leben ganz in seiner Nähe.

          Der Spender A013 der Befruchtungsklinik in Ann Arbor, Michigan, hatte Blutgruppe A positiv, blaue Augen und braune, gewellte Haare. Er war 1,78 Meter groß und wog 79 Kilogramm. Regelmäßig schaute er in der Klinik vorbei, oft mehrmals im Monat, jahrelang lieferte er Samen ab. Das erste Mal im September 1980, das letzte Mal im Januar 1994. Pro Spende und je nach Menge wurde der Samen in sechs bis acht Ampullen abgefüllt und auf Eis gelegt. Das Sperma werde für die Forschung verwendet, sagten die Ärzte Spender A013, man feile an neuen Befruchtungstechniken.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kirk Maxey sitzt in der Lobby des Sheraton-Hotels am Frankfurter Flughafen und bearbeitet sein Notebook. Vor zwei Stunden ist seine Maschine aus Detroit gelandet, aber Kirk Maxey sieht nicht aus wie einer, der gerade einen Achtstundenflug hinter sich hat. Er ist zweiundfünfzig Jahre alt, ein sanfter Mann mit Schnurrbart und Augen so blau, wie es sie selten gibt. Er trägt ein Hemd, auf dessen Brusttasche das Wort „Cayman Chemical“ gestickt ist, der Name seiner Firma, ein Biochemie-Unternehmen mit Sitz in Ann Arbor. Kirk Maxey ist geschäftlich in Europa unterwegs, am Nachmittag wird er nach Berlin fliegen, dann nach Stockholm und weiter nach Tallinn, wo er einige Tage bleibt. In Tallinn unterhält Cayman Chemical eine Zweigstelle, Kirk Maxey will nach dem Rechten sehen. „Das Geschäft läuft wegen der amerikanischen Finanzkrise nicht so gut im Moment“, sagt er.

          Er tat es für die Forschung

          Als Kirk Maxey zum ersten Mal seinen Samen spendete, war er Anfang zwanzig und studierte Medizin. Es war die Idee seiner damaligen Frau, die als Krankenschwester in einer Befruchtungsklinik arbeitete und ihm eines Tages erzählte, ihnen gingen die Spender aus. Kirk und sie waren selbst erst vor wenigen Monaten Eltern geworden, es hatte sofort geklappt. Sie hatten einen Jungen bekommen und nannten ihn John. Zwei Jahre später bekamen sie noch einen und nannten ihn Marc. Kirk Maxeys erste Familie.

          Er könnte der Vater von 400 Kindern sein

          Für eine Spende zahlte die Klinik zwanzig Dollar, aber um Geld ging es Kirk Maxey nicht, er tat es für die Forschung. Er dachte tatsächlich, sein Samen sei außergewöhnlich gut, deshalb beschäftige ihn die Klinik. Fragen stellte er keine. Er war ein junger Mann, der Respekt vor weiß bekittelten Ärzten hatte. Nach ein paar Jahren meldete sich eine medizinische Assistentin der Klinik bei seiner Ehefrau. Sie hatte sich in Kirk Maxey verliebt, er hatte das nicht erwidert. Da stahl sie ein Reagenzglas mit seinem Samen. Aber das sagte sie nicht am Telefon. Sie sagte, Maxey und sie schliefen miteinander, und sie sei schwanger. Dabei hatte er sie nie berührt. Der Assistentin wurde gekündigt. Ob sie sein Kind bekam, weiß Maxey nicht. Samen hat er seitdem nie wieder gespendet.

          Seine zweite Familie

          Nach dem Anruf kam Kirk Maxey zum ersten Mal der Gedanke, dass er Vater eines Kindes sein könnte, von dem er nichts wusste, aber er gab diesen Gedanken bald auf, weil ihm die Geschichte mit der Assistentin so unwirklich erschien.

          Irgendwann scheiterte seine erste Ehe, und er lernte Tanja kennen, eine Frau mit einem fein geschnittenen Gesicht, die wie eine englische Adlige aussieht. Sie schenkte ihm zwei Kinder, Sasha und Nathalie. Zehn und fünf Jahre sind sie heute alt. Kirk Maxey klappt sein Notebook auf und klickt auf Fotos mit bildhübschen Kindern. Es ist Weihnachten, auf dem ersten Foto grinst Nathalie, ein zartes blondes Mädchen, in die Kamera. Auf dem zweiten legt Sasha seinen Kopf schräg und sieht derart frech aus, dass man annehmen muss, er verlange seinen Eltern alles ab. Kirk Maxey sagt: „Sash ist ein hervorragender Kletterer und Fußballspieler, Nathalie ist sehr niedlich. Beide sind gesund.“ Das ist seine zweite Familie.

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