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René Pollesch an Volksbühne : Verantwortung als Sexappeal

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Er kennt die Volksbühne schon: René Pollesch. Bild: dpa

Nicht ganz überraschend ist René Pollesch zum Intendanten der Berliner Volksbühne berufen worden. Mit seiner Vorstellung von postdramatischem Theater könnte er die richtige Wahl sein.

          Vom Regisseur und Dramatiker René Pollesch konnte man wegen seines Arbeitspensums in den letzten Jahren den Eindruck gewinnen, dass er schneller schreibt als andere Menschen lesen. Bald tritt er etwas kürzer, ohne vermutlich weniger zu machen. Denn Pollesch (Jahrgang 1962) wird von der Saison 2021/22 an neuer Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

          Dort will er zweimal pro Spielzeit und bloß noch einmal an einem anderen Theater Regie führen, der Job lässt nicht mehr Nebentätigkeiten zu. In Berlin ist Pollesch wohlbekannt, inszenierte in der Intendanz von Frank Castorf sehr erfolgreich an der Volksbühne und leitete von 2001 bis 2007 mit viel kreativer Strahlkraft deren Außenstelle, den „Prater“.

          Nachdem Castorf 2017 unerwartet durch den belgischen Kurator Chris Dercon abgelöst wurde, verließ er die Volksbühne im Groll und zog einige Kilometer weiter ans Deutsche Theater, arbeitete parallel aber auch etwa in Zürich, Wien oder Hamburg.

          Pollesch entwickelt seine Stücke während der Proben mit den zu intellektueller Eigenverantwortung aufgerufenen Schauspielern und mischt stets aktuelle ästhetisch-politische Debatten dazu. Das können Auseinandersetzungen mit der Quantentheorie oder der Gentrifizierung sein, mit Schriften der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway oder des Philosophen Giorgio Agamben. Ob Sophie Rois, Caroline Peters, Birgit Minichmayr, Fabian Hinrichs oder Martin Wuttke, die Schauspieler lieben Pollesch für die klugen Texte, die er ihnen in den Mund zu legen versteht.

          Diese Arbeitsmethode samt integrierter Repräsentationskritik will der designierte Intendant als wichtiger Vertreter des postdramatischen Theaters nun an der Volksbühne institutionalisieren: „Die Praxis ist die Message!“ Nicht als „trojanisches Pferd“ der „alten“ Castorf-Volksbühne will er das Haus führen, sondern mit dem Akzent auf einer autonomen, kollektiven Produktionsweise, in der alle Verantwortung für alles tragen.

          Nein, ein Mitbestimmungsmodell sei das nicht, so Pollesch, von derlei belasteten Termini bei der Pressekonferenz leicht genervt, stattdessen der Versuch, von den Autoren und Schauspielern her zu denken, nicht immer nur von den Regisseuren. Vielerorts erlebe er eine „standardisierte Machart von Theater“, die er natürlich ablehnt. Er möchte nicht „faul an Klassiker“ glauben, lieber mit staubfreien „ästhetischen Mitteln politische Theorien in schlagkräftige Stücke und Aufführungen verwandeln“. Wer außer Ida Müller und Vegard Vinge sowie Florentina Holzinger dabei sein wird, weiß er noch nicht genau, die Vorbereitungen laufen offiziell erst seit sechs Monaten.

          Die Berufung durch den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), die schon länger als Gerücht durch die Szene waberte und als kleine Hauslösung nicht unbedingt visionär erschien, könnte durch solch einen entschiedenen Fokus auf die Autoren und Schauspieler helfen, sich vom Schatten des Übervaters Castorf zu lösen und ein neues Extra-Zimmer im großen Haus des Theaters einzurichten. Verantwortung übernehmen als der „einzig gültig Sexappeal“: Nach dem langen Marsch durch die Theaterinstitutionen kennt Pollesch den Leerlauf des Betriebs. Er will diesen ganz im Sinne Brechts nun denjenigen zurückgeben, die ihn machen. Die Idee mit der Praxis ist gut – wie gut, wird die Praxis beweisen.

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