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René Girard: Das Ende der Gewalt : Der sich und allen sich zum Opfer gibt

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Bild: Verlag

Alle Welt will den Wettbewerb kulturell zähmen. Was aber, wenn ein mörderischer Wettstreit der Anfang jeder Kultur gewesen ist? Muss tödliche Konkurrenz dann das Prinzip der Kultur bleiben? Diesem Rätsel stellt sich René Girard.

          Als Sigmund Freud im Juni 1913 seinen großen kulturtheoretischen Essay „Totem und Tabu“ beendete, fügte er in einer Fußnote hinzu, dass er anderen die Zusammenfassung zu einem Ganzen der Erklärung überlassen müsse. Dennoch erwarte er, dass sein neuer Beitrag in einer solchen Synthese eine zentrale Rolle spielen werde. René Girards kulturanthropologische Schriften kommen der Einlösung dieser Ankündigung nahe, doch auch ihnen begegnet die wissenschaftliche Welt mit derselben ablehnenden Zurückhaltung, die Freuds Nachweis der Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker widerfuhr. Das mag erklären, dass Girards Buch „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ mehr als dreißig Jahre auf die vollständige Übersetzung warten musste, die jetzt vorliegt.

          Der Herder Verlag hatte bereits 1983 eine verkürzte Übersetzung des 1978 erschienenen Werkes herausgebracht. Dem deutschen Leser entging damals, dass das Buch Gespräche Girards mit den Ärzten Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort enthält, wobei der Gesprächscharakter den Text von der Vorsicht entlasten sollte, die sonst in wissenschaftlichen Monographien geboten ist. Die Redebeiträge der beiden Psychiater sind auffallend kongruent mit denen Girards, was die Streichung nahelegen mochte, aber mit der Rhetorik die Absicht des Buches verwischte. Noch schwerer wiegt, dass das letzte Drittel des Originals komplett gestrichen wurde, weil man die dortige Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse für zu provokativ hielt. Dabei kennzeichnet die Rivalität zwischen mimetischer Theorie und Psychoanalyse das gesamte Denken Girards.

          Akte der Gründungsgewalt

          Das Werk ist in drei Bücher gegliedert. Das erste Buch enthält eine Theorie der Religion und stellt ähnlich wie „Totem und Tabu“ eine „Fundamentalanthropologie“ dar, die die Metaphysik auf rein menschliche Verhältnisse zurückführt. Dank Freud und Girard wirkt die Rede von einer nachmetaphysischen Zeit plausibel, weil es ihnen gelingt, die Sprache der Religion in die der Humanwissenschaften zu übersetzen, ohne wesentliche Inhalte preiszugeben. Ausgangspunkt ist das Offenlegen des Opfermechanismus: Kulturen und Gemeinschaften konstituieren sich in Akten der „Gründungsgewalt“. Eine elementare Krise im Leben früher Kulturen führt zur Suche nach dem vermeintlich Schuldigen, der als sprichwörtlicher Sündenbock verstoßen oder getötet wird. Er nimmt das Übel mit sich und lässt das Gemeinwesen gereinigt zurück.

          Nach dieser Wohltat kann sich Hass in Dankbarkeit verwandeln, wobei diese Begriffe zu schwach sind, um die Paradoxie der wunderbaren Umwandlung fasslich zu machen, die dem Getöteten im Gedächtnis widerfährt. Girards spekulative Urgeschichte braucht die Aura des Heiligen. Der kollektiv Gemordete steigt vom Dämon zur Gottheit auf - auf ihn beziehen sich künftig Moral, Riten und Mythen. Freud hatte solche phantasierten Mordgeschichten in seinen Patientenanalysen entdeckt und ihren Namen in der Ödipus-Tragödie gefunden. In „Totem und Tabu“ spricht er nicht länger von Phantasmen, sondern führt die Geschichten auf reale Begebenheiten der Frühzeit zurück. Diese schlechte Nachricht aus den Anfängen menschlicher Kultur mobilisiert bis heute affektive Widerstände, von denen ebenso das Werk René Girards betroffen ist.

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