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Künasts Tweet : So twittert man für die AfD

  • -Aktualisiert am

Renate Künast und ihr kurzer Weg zur Öffentlichkeit über ihr Handy Bild: dpa

Wenige Stunden nach dem Attentat im Regionalzug bei Würzburg fragt Renate Künast per Twitter, warum man den Attentäter erschießen musste. Den Rechten im Land erweist sie damit einen Dienst. Ein Kommentar.

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          Es ist halb ein Uhr in der Nacht von Montag auf Dienstag, als die Grünen-Politikerin Renate Künast zum Handy greift und einen Tweet mit vier Fragezeichen absetzt. Es geht um die breaking news, die gerade durch die sozialen Netzwerke rauschen: Ein siebzehnjähriger Afghane ist in einem Regionalzug bei Würzburg mit einer Axt und einem Messer auf Reisende losgegangen, hat vier von ihnen schwer verletzt und wurde, nachdem er auch Polizisten attackiert hatte, von einem Sondereinsatzkommando erschossen. Der genaue Hergang der Tat liegt zu der nachtschlafenden Zeit noch im Dunkeln. Man weiß allerdings schon, dass der junge Mann als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ins Land gekommen war.

          Ein solches Attentat, wenige Tage nach der Amokfahrt eines Islamisten an der Côte d’Azur: Man möchte meinen, das wäre der Moment für wenigstens ein kurzes Innehalten. Aber Renate Künast will ganz vorne mit dabei sein und die Debatte, die diese neue Bluttat auslösen könnte, gleich in die von ihr gewünschte Richtung lenken. Denn wer da zugestochen hat, war männlich, jung, Muslim und Flüchtling – die Tat ist gleichermaßen der wahrgewordene Albtraum all jener, die sich für eine Politik der offenen Grenzen aussprachen, wie jener, die dem „Wir-schaffen-das“-Mantra der Kanzlerin misstrauten. An die zwei Millionen Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Also tippt Renate Künast los: „Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso kann der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!“

          Einen besseren Dienst kann man der AfD und allen am rechten Rand, die grundsätzlich etwas gegen Fremde haben, nicht leisten. Besser kann man auch das Misstrauen in Politiker, die vermeintlich die Realität ausblenden, nicht befördern als mit einer solchen reflexartigen Umlenkung des Blicks weg vom Täter und den Opfern auf die Polizei – als deren Opfer der Täter in Renate Künasts Tweet prompt dasteht. Loszumeinen, bevor man überhaupt etwas Genaues weiß, und das selbstredend immer im Sinne der eignenen politischen Agenda, gehört zur Affektdynamik des medialen Echtzeitalters, in dem alle ständig auf Sendung sind und die Erregungswellen in den sozialen Netzwerken dem trendigsten Hashtag hinterherjagen.

          „Unerträglich“

          Nicht nur, wenn eine Schockmeldung die nächste jagt: Brexit, Dallas, Nizza, Würzburg. Zur medialen Echtzeitdynamik gehört auch der Shitstorm, der Renate Künast bereits Minuten nach ihrer Jetzt-müssen-wir-uns-aber-mal-genau-die-Rolle-der-Polizei-ansehen-Stellungnahme traf. Wobei allerdings kaum Pöbeleien unter den Antworten andere Twitter-Nutzer zu finden waren, sondern vor allem geballte Fassungslosigkeit. Die teilten auch die Polizisten: „Ein Tweet mit ???? ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerecht“, schrieb die Polizei Oberbayern Süd noch in der Nacht.

          Der Dienstag brachte Weiteres ans Tageslicht: eine handgemalte IS-Flagge im Zimmer des Attentäters, die Meldung des Terrornetzwerks, man beanspruche die Tat für sich. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte, der Zugriff mit Todesfolge werde staatsanwaltschaftlich untersucht und bezeichnete Künasts Einlassung als „unerträglich“. Sie fing sich auch Kritik aus den eigenen Reihen ein. Zukünftig sollte sie wohl besser nicht mehr nachts twittern. Allerdings fiel die Einschätzung, die Renate Künast im Januar in Plasbergs Talkshow hellwach darüber abgab, welche Fragen die Kölner Silvesternacht aufwerfe, auch nicht erhellender aus als ihr nächtlicher Tweet.

          Axt-Attacke nahe Würzburg : IS beansprucht Angriff in Regionalzug für sich

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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