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Renaissance des Nachtzugs : Wie im Schlaf

  • -Aktualisiert am

Risikoreiche Reise: Michelle Pfeiffer in der Verfilmung „Mord im Orient Express“ nach Agatha Christie. Bild: AP

Europa will den Nachtzug wieder aufs Gleis setzen. Das wird Regisseure und Autoren freuen, und auch die Klimabilanz kann sich sehen lassen. Aber wie sollen sich Enge und Abstand im Liegewagen vereinbaren lassen?

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          Was wäre das Kino ohne die Eisenbahn? Schon die Lumières waren in den ersten Aufnahmen der Filmgeschichte von der fauchenden Lokomotive magisch angezogen. Der Kontrast zwischen der sich durch Raum und Zeit stampfenden Maschine und dem statischen Innern hat Regisseure seit jeher inspiriert. Hitchcock und Billy Wilder reizten die psychologischen Möglichkeiten einer auf sich selbst zurückgeworfenen Schicksalsgemeinschaft, während draußen die Welt vorbeirast. Bei Jerzy Kawalerowicz wurde der durch die Nacht gleitende Zug zur politischen Metapher, während Agatha Christie in ihren vielfach verfilmten Krimis ganze Ensembles tagelang in Züge sperrte, um sie dort ihren bösen Absichten auszusetzen.

          Wer je mit Liegewagen gereist ist, ehe sie vor ein paar Jahren von der Bundesbahn endgültig ausrangiert wurden, weiß freilich, dass die nächtliche Fahrt auf Schienen nichts mit verplüschten Waggons, Messing, Samt und edlem Holz zu tun hatte. Auch Millionenerben und Spione waren selten dort anzutreffen. Ein Zauber lag dennoch auf dieser Art der Fortbewegung, denn zu einer Zeit, als Flugreisen noch sündhaft teuer waren, konnte man große Distanzen im Schlaf oder wenigstens im Halbschlaf zurücklegen. Dafür nahm man die Enge in Kauf wie auch den Umstand, eine Nacht im Zweite-Klasse-Abteil in Straßenkleidern auf einer der sechs je dreifach übereinander gestapelten Pritschen zu verbringen. Du Luft war schlecht, meist war es zu heiß oder zu kalt, weil sich die Heizung nicht regulieren ließ.

          Wiegenlied ruckelnder Waggons

          Entschädigt aber wurde man mit der Ankunft. Wer am nächsten Morgen am Bestimmungsort aufwachte, schnupperte provenzalischen Frühling oder Wiener Kaffeehausdämpfe. Kein Wunder, dass auch Schriftsteller in diesen Unterwegsgeschichten oft ihre Stoffe fanden. Spion hin oder her – die mit lauter Fremden unternommene Reise in die Nacht und in den Schlaf konnte einem durchaus das Gefühl geben, in besonderer Mission unterwegs zu sein.

          Wenn jetzt daher zu lesen ist, dass dem Nachtzug in Europa eine Renaissance bevorsteht, ist das eine gute Nachricht. Das Wiegenlied sanft ruckelnder Waggons ist ebenso verführerisch wie die Vorstellung, aufzubrechen, ohne Kontrollen und Verbote wie am Flughafen oder Sitznachbarn, die vor Flugangst an den Nägeln kauen. Während sich die Klimabilanz des Nachtzugs sehen lassen kann, sieht es bei der Corona-Bewertung allerdings düster aus. All die Vorteile des Nachtzugs können jedenfalls momentan den Nachteil nicht aufwiegen, dass Enge und Abstand sich nicht vereinbaren lassen.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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