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Renaissance der Slums : Die hohe Baukunst des Improvisierens

  • -Aktualisiert am

Blendet man die Hochhäuser aus, erinnert die Favela davor an das mittelalterliche Siena - deshalb wird hier sanft saniert Bild: Bartetzky

Rund ein Drittel der Brasilianer lebt in illegal errichteten Slums. Mit der gewaltsamen Räumung müssen sie nicht mehr rechnen - Modernisierung ist das neue Prinzip.

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          Rechts ein luxuriöses Wohnhochhaus mit Swimmingpools auf den Balkonen, Grünanlagen und Tennisplätzen. Links, durch eine hohe Mauer abgetrennt, ein Dickicht wellblechgedeckter Slums und schlammiger Gassen: Das Foto, seit einigen Jahren die Ikone von Ausstellungen und Internetseiten zur Weltlage des Städtebaus, zeigt die ungleichen Zwillinge Morumbi und Paraisópolis, Ersterer ein wohlhabendes Quartier, Letzterer eine der größten Favelas in Brasiliens Megametropole São Paulo. In seiner Plakativität mutet der Dualismus an wie eine Fotomontage; medienkritische Betrachter zweifeln oft, ob es die abgebildeten Szenerie wirklich gibt.

          Es gibt sie. Doch sie ist, genaugenommen, nicht als emblematisches Beispiel für die weltweit wachsenden sozialen Gegensätze und die Verelendung der Städte geeignet. Denn Brasilien müht sich momentan wie kaum ein anderes Land um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse in den illegal errichteten Slumvierteln, in denen rund ein Drittel seiner Bevölkerung wohnt. Wurden Favelas zur Zeit der Militärdiktatur oft gewaltsam geräumt, so steht inzwischen, über die Grenzen der politischen Lager hinweg, ihre schrittweise Integration auf der Agenda. Gerade in Paraisópolis - geschätzte Bewohnerzahl sechzig- bis achtzigtausend - wird seit Jahren ein ehrgeiziges Modellprojekt vorangetrieben. Es umfasst Elektrifizierung, Wasserversorgung, Abwasser- und Müllentsorgung, Pflasterung und Beleuchtung der wichtigeren Straßen, Anschluss an den öffentlichen Verkehr, den Bau von Schulen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, von Sportplätzen und Parks.

          Nicht alle wollen umziehen

          Das Daseinsrecht der meisten Wohnhäuser in Paraisópolis, die dem Improvisationstalent der Armut entsprungen sind, aber dank niedriger Materialkosten inzwischen meist Mauern aufweisen, steht nicht zur Debatte. Nur wo Erdrutsche und Überschwemmungen drohen, werden gefährdete Häuser durch Neubauten ersetzt, die für niedrige Mieten samt Option späterer Eigentumsübertragung einen für die Bewohner ungewohnten Komfort bieten.

          Im „Condominio D“, einem im Herbst 2011 fertiggestellten Ensemble nüchterner Blöcke, die vage an Europas Sozialwohnungsbauten der sechziger Jahre erinnern, empfängt uns eine sichtlich zufriedene Familie in ihrem neuen Domizil. Es gibt Küche und Bad, geflieste Böden und sogar Stuckimitate. Ein altarartig aufgebauter Riesenfernseher im kleinen Wohnzimmer bildet den Lebensmittelpunkt.

          Später schauen wir von der waghalsig auf Bretterverschlägen schwebenden Dachterrasse eines der barackenartigen Nachbarhäuser auf die Neubauten. Sofort würden sie dort einziehen, sagen die Bewohner des „Altbaus“. Doch die Bevölkerung von Paraisópolis ist in diesem Punkt durchaus unterschiedlicher Meinung. Nicht alle möchten ihre mit eigener Hand geschaffene ärmliche, aber individuell gestaltete Behausung gegen die bequemeren sterilen Serienwohnungen tauschen.

          Rückzug hinter hohe Mauern

          Auch in der Gesamtstruktur und im Straßenleben der in den siebziger Jahren entstandenen Favela stecken nicht nur für die romantisierenden Augen eines Europäers schützenswerte Qualitäten: Der Anblick der dichtgedrängten, an Hügel geschmiegten Häuschen mit ihren unregelmäßigen Ziegelmauern erinnert an mittelalterliche Stadtgebilde und bietet einen wohltuenden Kontrast zur abweisenden Stahlbetonöde der Allerweltshochhäuser rund um Paraisópolis.

          Die engen Straßen mit ihrem engmaschigen Netzwerk aus Wäscheleinen, unzähligen kleinen Geschäften, Bars und Verkaufsständen strahlen eine Lebendigkeit aus, wie sie weiten Teilen São Paulos fehlt. Wie in allen expandierenden Metropolen ist dort das gesamte architektonische Erbe blinder Bauwut zum Opfer gefallen, ersticken ungebändigte Automassen die öffentlichen Räume und verschanzt sich selbst die Mittelklasse aus Angst vor der allgegenwärtigen Gewalt hinter haushohen Mauern mit Wächtern und Elektrozäunen.

          Glücklicherweise will niemand mehr eine Division Abrissbagger nach Paraisópolis schicken. Die punktuellen Neubauten und Verbesserungen der Infrastruktur werden der Favela eine bessere Zukunft gewährleisten.

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