https://www.faz.net/-gqz-81vf2

Gesetz in Indiana : Legalisiert Amerika die Homophobie?

Protest in Indianapolis: Aber worum geht es eigentlich im Religious Freedom Restoration Act? Bild: Reuters

Ein neues Gesetz in Indiana schlägt hohe Wellen. Gegner des Gesetzes behaupten, es erlaube privaten Geschäftsleuten, homosexuelle Kunden nicht zu bedienen. Die Empörung ist so groß wie selbstgerecht. Denn das wahre Problem liegt woanders.

          5 Min.

          In Indianapolis ist am Ostermontag das Endspiel in der amerikanischen Meisterschaft im College-Basketball ausgetragen worden. Die National Collegiate Athletic Association, die 89 Meistertitel vergibt und mit den Einnahmen aus dem Basketball mehr als vier Fünftel ihres Budgets bestreitet, hat ihren Sitz in der Hauptstadt des Bundesstaats Indiana. In der vergangenen Woche hat die Verbandsführung öffentlich mit dem Gedanken gespielt, das Turnier der letzten vier Mannschaften bis auf weiteres nicht mehr in Indianapolis abzuhalten. Der Grund für dieses Abwanderungsplanspiel ist ein Gesetz zur Wiederherstellung der Religionsfreiheit (Religious Freedom Restoration Act), das seit der Unterzeichnung durch Gouverneur Mike Pence am 26.März heftige Attacken in der nationalen Öffentlichkeit auf sich gezogen hat.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Gegner des Gesetzes behaupten, es legalisiere die Diskriminierung von Homosexuellen, indem es Geschäftsinhabern das Recht zuspreche, Kunden unter Berufung auf religiöse Skrupel abzuweisen. Dass diese Absicht nicht bestehe, wurde in einer Ergänzung des Gesetzes festgehalten, die am Gründonnerstag überstürzt beschlossen wurde. Nicht nur um das Geschäft mit dem Basketball musste Indiana fürchten. Auch andere Unternehmen drohten mit Boykottmaßnahmen, wie sie öffentliche Stellen in anderen Bundesstaaten schon ergriffen hatten. So untersagte der Bürgermeister von Seattle die Verwendung städtischer Mittel für Reisen nach Indiana. Eine analoge Verfügung traf der Gouverneur von Connecticut – obwohl sein Bundesstaat schon seit 22 Jahren ein solches Gesetz hat, wie es in Indiana jetzt verabschiedet worden ist. Diese Selbstgerechtigkeit ist typisch für die Empörung, die über Indiana wie über Arkansas hereingebrochen ist, wo der Gouverneur die Unterzeichnung eines gleichgelagerten Gesetzes einstweilen hinausgeschoben hat.

          Stimmungsumschwung und hartnäckige Vorurteile

          Die Vorstellung, der Inhaber einer Konditorei oder eines Fotoateliers könnte nicht gezwungen werden, den Auftrag eines schwulen Hochzeitspaars anzunehmen, ist den Funktionären des College-Sportverbands unerträglich. Doch wie groß kann die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen unter den vom Verband betreuten Sportlern sein? Auf dem höchsten Niveau im College-Basketball konkurrieren 351 Mannschaften in 32 Regionalligen. Pro Mannschaft vergibt der Verband dreizehn Stipendien. Unter den 4563 etatmäßigen Spielern gibt es einen, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat.

          In 37 der fünfzig amerikanischen Bundesstaaten, darunter Indiana, können Partner gleichen Geschlechts die Ehe eingehen. Es wird allgemein erwartet, dass der Oberste Gerichtshof im Juni auch die verbleibenden dreizehn Staaten verpflichten wird, die Homosexuellenehe einzuführen. Während Umfragen einen Umschwung der nationalen Stimmung zugunsten der Erweiterung der Ehe auf gleichgeschlechtliche Paare ausweisen, deutet die Selbstverleugnung homosexueller Spitzensportler selbst im universitären Milieu auf das Fortbestehen hartnäckiger Vorurteile. Ist es in dieser Lage wirklich ein vordringliches Thema des Kampfes für Bürgerrechte, die Bestrafung von Einzelhändlern sicherzustellen, die auf Aufträge homosexueller Brautleute verzichten möchten? In Oregon soll ein Konditor ein Schmerzensgeld von 150.000 Dollar zahlen.

          Als auch Hilary Clinton noch gegen die gleichgeschlechtliche Ehe war

          Conor Friedersdorf, ein liberaler Kommentator der Monatszeitschrift „The Atlantic“, hat den Furor, der die Skandalisierung solcher Einzelfälle befeuert, als Fanatismus von Neubekehrten charakterisiert. Er selbst, schreibt Friedersdorf, habe während seiner gesamten journalistischen Laufbahn die Homosexuellenehe immer befürwortet, lange Zeit zum Verdruss seiner Vorgesetzten. Der Konditor in Oregon verweigerte die Annahme der Tortenbestellung am 13.Januar 2013 – als auch Hillary Clinton, die wahrscheinliche nächste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, die eingeschlechtliche Ehe noch ablehnte. Heute verbreitet Frau Clinton über Twitter: „Es ist traurig, dass dieses neue Gesetz in Indiana in Amerika möglich ist.“

          Weitere Themen

          Monster im Werden

          Suzanne Collins’ „Panem“-Prequel : Monster im Werden

          In seiner Jugend musste Coriolanus Snow noch nicht den Geruch von Blut überdecken: In ihrem „Panem“-Prequel „Das Lied von Vogel und Schlange“ erzählt Suzanne Collins aus der Frühzeit der Hungerspiele.

          Topmeldungen

          Höchste Genauigkeit: Ein chinesisches Vermessungsteam nimmt am Mittwoch Untersuchungen am Gipfel des Mount Everest vor.

          Erste Touren trotz Corona : 5G auf dem Mount Everest

          Chinesische Vermesser erreichen den Gipfel des Mount Everest – entlang der Aufstiegsroute haben sie 5G-Sendemasten installiert. Ungewiss ist, wie die Zukunft des Bergsteigens an den höchsten Gipfeln der Welt aussehen wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.