https://www.faz.net/-gqz-7sg50

Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

  • -Aktualisiert am

Moderne Autonomie begreifen viele orthodoxe Kirchen als egozentrisch

Wie sich die Entgrenzungstendenzen in aller religiösen Bildsprache, etwa das Pathos des Unbedingten, Nicht-Diskutierbaren, überwinden lassen, ist die wohl entscheidende Frage, zu der den Theologen und anderen gelehrten Religionsdeutern bisher aber nur wenig eingefallen ist. Die Etablierung einer zweiten normativen Ordnung, der Ordnungsform des streng säkularen und darin die gleiche Freiheit aller Bürger anerkennenden demokratischen Rechtsstaates neben den Normativitätsutopien der Religion, ist in vielen europäischen Gesellschaften bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein von vielen christlichen und orthodox-jüdischen Akteuren aktiv bekämpft worden.

Nicht wenige christlich-orthodoxe Kirchen lehnen die liberale Demokratie und speziell die Vorstellung vorstaatlicher Grundrechte des Individuums auch in der Gegenwart mit dem Argument ab, dass moderne Autonomie des Einzelnen nur egozentrisch sündhafte Selbstbezüglichkeit und darin Absage an den allumfassenden Herrschaftsanspruch Gottes über unser Leben sei.

So sind in der argumentativen Auseinandersetzung mit dem politisch-religiösen Extremismus der Gegenwart weniger westliche Überlegenheitsattitüde und Aufklärungsstolz angesagt als vielmehr historische Selbstbesinnung auf die harten religiösen und politischen Ideenkämpfe seit dem achtzehnten Jahrhundert. Wer etwa die nach der Französischen Revolution geführten Kontroversen um den „christlichen Staat“ kennt, ist von den aktuellen muslimischen Diskursen über „Scharia-Staat“ und „Kalifat“ nicht überrascht. Was auch immer von gewaltbereiten muslimischen Akteuren derzeit als wahre Ordnung des Zusammenlebens gepriesen wird – aus der Geschichte der Christentümer sind strukturell vergleichbare theokratische Sozialutopien vielfältig bekannt.

Die Heilshoffnung ist ebenso faszinierend wie bedrohlich

Bisweilen wird man als kritischer Theologe gefragt, was man denn eigentlich noch glaube. Die Frage ist falsch gestellt. Nicht was, sondern wie man glaubt, dürfte entscheidend sein. Für die frommen Religionsverbrecher der Gegenwartsmoderne ist kennzeichnend, dass ihren politisierten Glaubenswelten Elemente von Nachdenklichkeit, Selbstreflexion, kritischer Selbstbegrenzung weithin fremd geblieben sind.

Weder kennen sie Traditionen einer aus eigenen Gründen des Glaubens oder aus theologischer Einsicht legitimen Religionskritik, noch sind sie im Willen zur Unbedingtheit zu Ambiguitätstoleranz und pragmatischer Anerkenntnis der unaufhebbaren Widersprüche endlichen Lebens imstande. In übersteigerter Divinalerotik lieben sie ihren Gott in „Ganzhingabe“ so sehr, dass sie zum Tatopfer des eigenen Lebens bereit sind und menschliches Leben überhaupt mörderisch relativieren. Mord als Gottesdienst – wie sich solche brutalisierte Frömmigkeit zivilisieren lässt, wissen wir nicht.

In Europa war die Neutralisierung der destruktiven Potentiale des Religiösen, die Zivilisierung des christlichen Glaubens in verbürgerlichten volkskirchlichen Christentümern ein langer, konfliktreicher Prozess, in dem ernstem Glauben durch Dauerreflexion oft der Stachel des Negativen genommen wurde. Ob Vergleichbares in ganz anderen religionskulturellen Konstellationen gestaltet werden kann, lässt sich derzeit seriös nicht sagen. Denn die Transzendenzgehalte und Heilshoffnungen religiösen Bewusstseins bilden immer auch ein innerweltliches Jenseits zu fragiler Zivilität, und darin liegt ihre Faszinationskraft ebenso wie ihre aktuelle Bedrohlichkeit.

Friedrich Wilhelm Graf

Der Autor ist emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München. Pointiert nimmt er immer wieder zu Debatten Stellung, in denen es um Religion in der säkularen Gesellschaft, um das Verhältnis von Staat und Kirche oder um innerprotestantische Auseinandersetzungen geht.

Mit feuilletonistischer Verve begegnete er auch dem neuen, publizistisch aktiven Atheismus, wie er von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens vertreten wird. Graf verantwortet federführend die kritische Gesamtausgabe der Werke Ernst Troeltschs. Zuletzt schrieb er das Buch „Götter global – Wie die Welt zum Supermarkt der Götter wird“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Stau auf der A3: Auch die Maut kommt nicht voran.

Nach Urteil des EuGH : Peinliches Maut-Urteil für Deutschland

Die deutsche Maut-Regelung war den EuGH-Richtern schlicht zu plump, um glaubwürdig zu sein. Dobrindts Paragrafen war ihr wahrer Zweck allzu deutlich anzusehen.

Livestream : Was sagt Seehofer zum Fall Lübcke?

Innenminister Horst Seehofer stellt zusammen mit den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundeskriminalamtes die neuen Entwicklungen im Fall Lübcke vor. Verfolgen Sie die Pressekonferenz jetzt im Livestream.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.