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Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

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Die religiöse Allmachtsvorstellung konnte aber auch dafür in Anspruch genommen werden, Machtsansprüche absoluter Herrscher zu kritisieren und Begrenzung von Macht in einem System von „checks and balances“ einzuklagen. Die harten theologischen Kontroversen um Begriffe wie Macht, Souveränität und Autorität kreisten immer um die Frage, inwieweit sich die Gott zugeschriebene Allmacht im Hier und Jetzt lokalisieren, auf endliche Repräsentationsorte beziehen lasse.

Viele moderne religiöse Akteure versuchten, an Gottes Allmacht teilzuhaben, indem sie für sich Unmittelbarkeit zu Gott beanspruchten. Man kann dies als Assoziationslogik des Unbedingten charakterisieren: Der Fromme, der sich unmittelbar zu seinem Gott weiß, meint Gottes Willen ungleich besser zu kennen als die vielen anderen. So kann er sich als Mandatar des himmlischen Herrschers verstehen, der die Durchsetzung der vom Schöpfer gewollten wahren Ordnung des Lebens in Angriff nehmen soll.

Glaubensromantisch harmonistische Sozialtheorien

Diese Gestalt religiösen Bewusstseins folgt einer Logik der Entgrenzung: Dank der unvorstellbar intimen Nähe zu Gott, die in mystischen Traditionen oft als seelisches Einssein mit dem divinalen Quellgrund alles Seienden gedeutet wird, hat der Fromme alle Grenzen des Endlichen transzendiert. Die hier und jetzt noch geltenden Ordnungen entfalten für ihn keinerlei Bindungskraft mehr, gelten sie doch als „sub specie Dei“ falsche, sündhafte, aufzuhebende Regelwerke, die souverän zu ignorieren nur mutige Glaubenstat ist.

Hier wird im Medium religiöser Sprache nicht jenes Endlichkeitsbewusstsein geschärft, das in Demut und Anerkenntnis der eigenen Grenzen Gestalt gewinnt, sondern, genau umgekehrt, die eigene Endlichkeit mit Glaubenssymbolen so überspielt, dass man sich selbst als Repräsentant des Absoluten zu sehen vermag. Man darf dies als religiöse Omnipotenzphantasien kritisieren. Aber sie entsprechen nur der inneren Logik des auf Gott bezogenen Allmachtsgedankens: Weshalb sollten, wenn Gott omnipotent ist, seine getreuen Diener daran nicht teilhaben dürfen? Und weshalb sollte die terroristische Zerstörung ziviler Sozialität nicht als Akt des gottgewollten Neuschaffens gedeutet werden?

Es gibt weitere glaubensmythische Vorstellungen, die derzeit religiöse Gewalt fördern: dualistische Weltbilder des ewigen Kampfes zwischen den Guten und den Bösen; Prädestinationsglaube an die eigene Zugehörigkeit zu den von Gott selbst Erwählten, Geretteten; realistische Jenseitsbilder mit himmlischen Treueprämien für die Guten, Gerechten und ewigen Höllenstrafen für die Verdammten; theokratische Vorstellungen eines in allen Dimensionen des Lebens unbedingt bindenden, ewigen Gottesgesetzes und die daraus folgende Verschmelzung von Recht, Religion und Moral; glaubensromantisch harmonistische Sozialtheorien, in denen weder ein Eigenrecht des Individuums auf Selbstbestimmung noch legitimer Streit um konkurrierende Interessen anerkannt werden können.

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