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Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

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Ein Mitglied der christlichen Anti-Balaka-Miliz präsentiert sein Amulett (Bangui, Zentralafrikanische Republik, Februar 2014).

Gerade diese Fixierung auf Ordnung und Struktur macht sie gewaltanfällig. Denn wenn die gegebene, durch diffuse Vieldeutigkeit, Widersprüche und bleibendes Elend geprägte Welt als eine verderbte Gegenwelt zur wahren, gottgewollten Ordnung erlitten wird, entsteht für die Schöpfungsfrommen der Zwang, die Welt, so wie sie leider ist, auf die ideale und ursprüngliche Ordnung Gottes hin zu überwinden. Gewaltbereitschaft für Gott, genauer: für den je eigenen Gott, ist der Versuch, die erlittene kognitive Dissonanz zwischen den bösen, sündhaften Verhältnissen und der geglaubten Gottesordnung durch kämpferisches Glaubenszeugnis zu überwinden.

Religion konnte Machtansprüche weltlicher Herrscher kritisieren

Religiöse Sprache gewinnt vitale Präsenz in gottesdienstlicher Anbetung und Verehrung, liturgisch bekundeter Gehorsamkeit gegenüber Gottes Gebot und Bitte um Beistand und Vergebung. Gebete sind an den einen Gott oder an einen bestimmten Gott adressiert, dem zumeist unbegrenzte Willenskraft, Allgegenwärtigkeit, Ewigkeit und Allwissen zugeschrieben werden.

Gott, das Unbedingte, das Absolute, der Allmächtige, der Ewige, der Pantokrator und Allherrscher, das höchste Wesen, das unvordenkliche Sein, der unbewegte Beweger, das Sein selbst, nicht zuletzt auch Allah – die vielen Namen und begrifflichen Repräsentationen, die in jüdischen, christlichen und muslimischen Religionsdiskursen für den „Schöpfer Himmels und der Erden“ gebraucht wurden und noch werden, spiegeln durchgängig das fromme Interesse, die souveräne Überlegenheit „des Herrn“ über alle endliche Wirklichkeit und speziell auch seine vornehmsten Geschöpfe hervorzuheben. So ist Gott für die Gläubigen eine höchst reale, ihr Leben zutiefst bestimmende, Tag für Tag erfahrbare Macht, obwohl er ein metaempirisches Subjekt ist, ähnlich wie Jesus Christus, der Heilige Geist, der Prophet, die Engel, die Teufel, Satan selbst. All diesen – in den Augen der Religionskritiker: nur fiktionalen, erfundenen – Akteuren erkennt religiöses Bewusstsein eine außerordentliche Handlungsmacht und Wirkkraft zu.

Nichts zeigt dies so deutlich wie die uralte Vorstellung von Gottes Allmacht, omnipotentia. Macht, nach Max Weber die Chance, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“, ist gefährlich, weil leicht zu missbrauchen. Sie bedarf deshalb kritischer Kontrolle. Die Gott zugeschriebene Allmacht ist allgefährlich, weil sie sich jeder menschlichen Kontrolle entzieht und so vielfältig missbraucht werden kann. Von Lord Acton, dem liberalen Kulturkatholiken, stammt das Wort: „Absolute Macht korrumpiert absolut.“ Genau darin liegt die unaufhebbare Ambivalenz und Vieldeutigkeit der religiösen Rede von der Allmacht Gottes.

Der Fromme meint Gottes Willen besser zu kennen als andere

Die für alle klassischen Theismen grundlegende Allmachtsvorstellung ist in den großen monotheistischen Religionen sehr unterschiedlich ausgelegt worden. In politisch-theologischen Diskursen diente sie im Islam wie in den verschiedenen Christentümern oft dazu, Machtansprüche und Autorität der Obrigkeit zu begründen: In der souveränen Macht des Königs gewinne Gottes Allmacht innerweltliche Gestalt.

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