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Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

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Jan Assmann, der bedeutende Heidelberger Ägyptologe, sucht im vieldiskutierten Konzept der „mosaischen Unterscheidung“ den Ursprung religiös motivierter Gewalt im radikalen Monotheismus der Offenbarung: Das erste Gebot: „Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, sei die Quelle von Intoleranz, Fanatismus, Glaubenshass und Bereitschaft zur Vernichtung Andersgläubiger. Keine dieser Deutungen kann überzeugen.

Religiös motivierte Aggression bis hin zum Morden durch Selbstmordattentate findet sich auch bei Frauen, und Glaubensgewalt lässt sich derzeit auch in polytheistischen Religionskulturen beobachten: Weder der mörderische Antiislamismus vieler Hindu-Nationalisten in Indien noch die grausamen Vernichtungszüge buddhistischer Mönche gegen muslimische Minderheiten in Myanmar passen in Assmanns Modell.

Die vorgegebene Tradition wird umgeschrieben

Hilfreicher dürfte der Versuch sein, die unaufhebbaren Ambivalenzen und Paradoxien religiöser Symbolsprache in den Blick zu nehmen. Gewaltbereitschaft und aggressive Enthemmung haben ihren Ursprung im Zentrum religiösen Glaubens. Dennoch ist die neue Glaubensgewalt in allen Kontinuitäten der globalen Religionsgeschichten ein höchst modernes Phänomen.

Hier geschieht, was sich in den Gewaltgeschichten der Moderne seit dem achtzehnten Jahrhundert auch auf anderen Feldern, vor allem in politischen Machtkämpfen beobachten lässt: Konkurrierende Akteure machen sich uralte Mythen, Glaubenssymbole, Gottesbilder und Jenseitsvorstellungen so zu eigen, dass sie ihren eigenen Interessen und Wunschbildern guten Lebens in einer gerechten, nach Gottes Willen geordneten Gesellschaft entsprechen.

Wenn sie sich auf kanonische „Heilige Schriften“ beziehen, lesen sie diese in einer Hermeneutik der radikalen Gleichzeitigkeit, die den Unterschied von einst und jetzt zu überspringen und Unmittelbarkeit zum geoffenbarten Ursprung des eigenen Glaubens zu imaginieren erlaubt. Hier wird radikal subjektiviert, vorgegebene Tradition auf die je eigene Projektion idealen Lebens hin verflüssigt und umgeschrieben.

Mit Gewalt wird die Realität der göttlichen Ordnung angeglichen

Religiöse Symbolsprachen stiften kosmische Ordnung durch elementare Grundunterscheidungen: Schöpfer und Geschöpf, Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit, Jenseits und Diesseits. Diese Distinktionen sind in religiösen Schöpfungsmythen oft mit Vorstellungen verknüpft, dass der innere, gottgewollte Ordo des Kosmos durch den sündhaften Menschen gestört wurde, der sich in narzisstischer Selbstbezüglichkeit den guten Schöpfungsordnungen widersetzt.

Religiöse Symbolsprachen bieten grandiose Bilder vom allumfassend Ganzen der kosmischen Geschichte, beginnend mit einem urzeitlichen Schöpfungsakt des transzendenten Gottes (oder vieler göttlicher Ursprungsmächte), endend mit einem Weltgericht zur definitiven Scheidung der Guten von den Bösen, einem apokalyptischen Weltuntergang oder der „annihilatio mundi“, der Aufhebung aller welthaften Wirklichkeit in einer neuen Schöpfung. Religiöse Riten geben dem Fluss der Zeit eine feste Struktur, etwa durch Unterscheidung heiliger Stunden und Tage vom bloßen Alltag oder durch die feierliche Inszenierung wichtiger Übergänge im Lebenslauf.

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