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Religion und Gewalt : Mord als Gottesdienst

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Keine Religion ist friedlicher als andere

Erst in der Gegenwart scheint sich dies nun zu ändern, nicht wegen des neuen biologistisch naiven, reflexionsresistenten Trivialatheismus eines Richard Dawkins, sondern wegen der vielen verstörenden Erfahrungen mit gewalttätiger Religiosität. Fromme Menschen, die sich in ihrer Heilsgewissheit dazu legitimiert sehen, zu morden und zu brandschatzen, „heilige Kriege“ zu führen, Mädchen zu vergewaltigen, Kinder als Selbstmordattentäter in den Tod zu schicken, zwingen dazu, verstärkt darüber nachzudenken, dass Religion nicht als solche gut ist.

Glaube an Gott kann den Menschen enthemmen, brutalisieren, mit Ekel und Hass erfüllen. Angriffe auf andere und deren Ermordung können als heilige Handlung liturgisch inszeniert werden. Dies gab es seit den Anfängen der menschlichen Religionsgeschichte, und es betrifft keineswegs nur bestimmte Religionen im Unterschied zu anderen, sondern jede historisch bekannte Religion.

Die in Europa verbreitete Vorstellung, dass einige Religionen, der Buddhismus etwa, friedlicher als andere seien, ist eine Illusion. Falsch ist zudem die Annahme, dass derzeit vor allem politisierte Muslime oder Islamisten gewalttätig agierten. Gewiss, im Irak und anderen Ländern des Nahen Ostens werden Christen verfolgt und vertrieben.

Psycho-Spekulationen über sexuelle Frustration und Kampfesmut

Aber in einigen afrikanischen Ländern kämpfen christliche Akteure brutal gegen muslimische Bevölkerungsgruppen, und auch aus der neueren Zeitgeschichte Europas sind Konflikte bekannt, in denen Klerikereliten christliche Symbole und Riten zur Mobilisierung der Kampfbereiten einsetzten: In den Sezessionskriegen des zerfallenden Jugoslawiens beschworen römisch-katholische Geistliche in Kroatien eine innere Einheit von kroatischer Nation und eigener Kirche, und zugleich forderten die höchsten Repräsentanten der Serbischen Orthodoxen Kirche ein Großserbien, als dessen moralische Avantgarde sie sich selbst sahen. Mehrere hundert junge Griechen folgten den von der Kanzel herab verkündeten Aufrufen ihrer Priester, gegen Katholiken und Muslime für die „orthodoxe Sache“ in den „heiligen Krieg“ zu ziehen.

Derzeit lässt sich im Osten Europas Ähnliches beobachten. Viele orthodoxe Kirchen, allen voran die Russische Orthodoxe Kirche mit ihrem machtbewussten Klerus, sind, soziologisch gesehen, nur christianisierte Ethno-Religionen, in deren autoritätsfixierter Glaubenskultur immer neu die Einheit von Nation, orthodoxem Ritus und heiligem Territorium zelebriert wird.

Westliche Intellektuelle tun sich oft schwer damit, religiös motivierte Gewalt zu deuten. Gern verstehen sie die aggressive Bereitschaft, für Gott zu morden und zu sterben, als Rückfall ins „finstere Mittelalter“ oder in archaisches Stammesdenken. Auch sind Psycho-Spekulationen über Zusammenhänge zwischen sexueller Frustration vor allem muslimischer junger Männer und ihrem irrational wirkenden Kampfesmut beliebt.

Auch der Polytheismus lässt Gewalt zu

Mark Jürgensmeyer, ein in Santa Barbara lehrender Fachmann für Glaubensgewalt, spricht in „Terror in the Mind of God. The Global Rise of Religious Violence“ (erstmals 2000, 2004 in deutscher Übersetzung) von „Cowboy-Mönchen“ mit „Macho-Religiosität“, die sich dank ihrer „Begeisterung für phallisch geformte Waffen“ in ein „himmlisches Bett“ bomben wollen, „wo die unglaublichsten sexuellen Attraktionen auf sie warten“.

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